Sunday Service at 11am in-person and online.

The Courage to Speak of God with Joy

George Augustin SAC

Vom Mut begeisternd von Gott zu reden

„Wir können unmöglich schweigen über das, was wir gesehen und gehört haben.“ (Apg 4,20) Dieses mutige Bekenntnis der Apostel Petrus und Johannes beinhaltet im Kern das Grundgesetz jeglicher Bemühungen um die Weitergabe des christlichen Glaubens. Denn „was wir gesehen und gehört haben, das verkünden wir auch euch, damit auch ihr Gemeinschaft mit uns habt.“ (1 Joh 1,3) Die Apostel haben in der Gemeinschaft mit Jesus Christus Gottes Liebe empfangen, um sie weiterzugeben und selbst ein Geschenk der Liebe zu sein. Auch heute sind die Christgläubigen berufen, die Botschaft der bedingungslosen Liebe Gottes zu ihren Mitmenschen zu bringen. Diese Berufung nennen wir im kirchlichen Kontext kurz und prägnant: Mission. Hierzu stellt sich freilich die Frage: Wie kann Mission gelingen in einer Zeit der großen Infragestellungen des Glaubens sowie einer alarmierenden Distanzierung der Menschen zur Institution Kirche?

Es ist das Zeichen der Zeit, dass in kirchlichen Reformdiskursen das Wesentliche anscheinend aus dem Blick gerät. Diesbezüglich drängt sich die Frage auf, ob sich der innerkirchliche Diskurs nicht vielmehr den zentralen Themen des christlichen Glaubens widmen, diese neu reflektieren und schließlich freudig und verständlich verkünden sollte, um den Menschen Gottes Horizont zu eröffnen und Wege der Gotteserfahrung zu erschließen. Sollten wir uns somit nicht intensiver mit Gott und seinem Heilsplan beschäftigen?

Es ist an der Zeit, von Gott zu reden in einer Welt, die sich in einer Atmosphäre der Gottvergessenheit eingerichtet hat und nichts zu vermissen scheint. Umso mehr gilt es für glaubende Christen, in der Immanenz der Welt Räume für Transzendenz zu öffnen, die den Mehrwert des christlichen Glaubens erahnen lassen. Aus dem inspirierenden Antrieb des gelebten Glaubens heraus ist der Christ von heute aufgefordert, die Freude und die Strahlkraft des christlichen Glaubens zu leben und bereitwillig weiterzugeben. Gefragt sind ein gelebtes Zeugnis, ein mutiges Bekenntnis und eine begeisternde Sprachfähigkeit.

Ein gelebtes Zeugnis

Suchende Menschen werden erst dann bereit sein, sich für das Evangelium zu interessieren und zu begeistern, wenn sie spüren, dass die Verkündigung aus einem Mund und einem Herzen des gelebten lebendigen Glaubens fließt. Gewinnende Verkündigung erwächst ausschließlich aus einer Glaubensgewissheit, die selbst die Überzeugung teilt, dass der christliche Glaube tragfähige Antworten auf die existentiellen Fragen des Menschen bereithält. Darum steht zu Beginn stets die Begegnung mit und die Beziehung zu Jesus Christus, der gesagt hat: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben“ (Joh. 14,6).

Der Glaube ist nicht einfach ein ethischer Entschluss oder eine abstrakte Idee. Der Glaube ist lebendige Begegnung und tiefe Beziehung.[1] Die Erlösung besteht nicht in der Annahme einer noch so gut durchdachten Philosophie, sondern in der gelebten Offenheit des bedürftigen Herzens auf den dreifaltigen Gott hin. Gott möchte dem Menschen in all seiner Schwachheit und Sündigkeit begegnen und mit ihm in eine heilende Beziehung treten. Der Fokus liegt hier auf der gelebten Relation: Gott bietet uns seine Freundschaft an und seine Freundschaft heilt: „Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt. Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch auftrage. Ich nenne euch nicht mehr Knechte; denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Vielmehr habe ich euch Freunde genannt …“ (Joh 15,13–15)

Doch was beinhaltet dieser Auftrag Jesu? Was gilt es zu tun? Der Grundauftrag Jesu an seine Jünger besteht – damals wie heute – zuvorderst in seinem Liebesgebot: „Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben.“ (Joh 13,34) Diese Liebe, die nicht menschlichen, sondern göttlichen Ursprungs ist, macht fähig, an die existentiellen Peripherien des Lebens und der Welt zu gehen,[2] um Gott und sein Reich mit dem eigenen Leben zu bezeugen. Wer Gott in den Mittelpunkt seines gelebten Zeugnisses stellt, bekommt die Kraft, sich caritativ-diakonisch für Menschen einzusetzen, denn ein starker und vertrauensvoller Glaube an Gott setzt Kräfte frei für ein tatkräftiges Engagement im Zeichen christlicher Solidarität. So vermag das engagierte, gelebte Zeugnis weit mehr zu leisten als tausend wohlgewählte Worte: „Predige das Evangelium jederzeit, und wenn nötig, mit Worten.“[3]

Wenn demgegenüber die Kirche jedoch ihren ureigenen Auftrag, Zeugin Gottes zu sein, vergisst und stattdessen den Anspruch erhebt, die gesellschaftspolitischen Probleme innerweltlich lösen zu wollen, überfordert sie sich selbst und verliert dabei ihre eigene Identität. So wird eine einseitig-anthropozentrische Denk- und Handlungsweise die Kirche in ihrem Wesen unkenntlich und das Zeugnis unglaubwürdig machen. Nur der Mensch, der bei Gott ist, kann wirklich bei den Menschen sein. Jesu Predigt beginnt mit einem Umkehrruf zu Gott: „Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt an das Evangelium!“ (Mk 1,15) Eine radikale theozentrische Wende in der Kirche tut not: Gott ist die alles bestimmende Wirklichkeit und damit die Kernbotschaft des christlichen Glaubens. Die Kirche lebt zur größeren und unendlichen Ehre Gottes. Nur dann kann sie Salz der Erde und Licht für die Welt sein (vgl. Mt 5,13–16).[4]

Ein mutiges Bekenntnis

„Der heutige Mensch“, so schrieb bereits Papst Paul VI. im Jahr 1975, „hört lieber auf Zeugen als auf Gelehrte, und wenn er auf Gelehrte hört, dann deshalb, weil sie Zeugen sind“[5]. Das mutige Bekenntnis eines Zeugen lässt aufhorchen; es weckt Interesse. Wenn wir auf die missionarischen Herausforderungen unserer Zeit eine angemessene Antwort geben wollen, müssen wir erneut offen sein, für ein mutiges Bekenntnis: „Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die euch erfüllt“ (1 Petr 3,15).

Die christliche Hoffnung ist Gott selbst. Wenn dieser schlichte Satz wahr ist, dann müssen wir Gott und die Frage nach ihm wieder in den Mittelpunkt unseres Glaubens und des kirchlichen Lebens stellen. Es muss sichtbar und erfahrbar werden: die Kirche ist ekklesia tou theou – Kirche Gottes. Sie ist Gegenwartsort Gottes, Wirkungsort des Sohnes und Tempel des Heiligen Geistes. Sie lebt als Communio im Heiligen Geist und im Zusammenspiel und Einklang der unterschiedlichen Geistgaben aller Gläubigen zur Erfüllung der einen Mission. Aus diesem Grund ist die Kirche die großartigste und schönste Realität dieser Welt. Dazuzugehören sollte uns tiefe Freude bereiten und diese Freude sollte uns dazu motivieren und inspirieren, den Gott des Lebens und der Liebe neu im eigenen Leben zu entdecken, in und durch die Kirche Gotteserfahrungen zu machen und unsere Mitmenschen dazu einzuladen. Die Voraussetzung dafür ist die Vertiefung und Verlebendigung des Glaubens der Gläubigen. Nur dann kann die Kirche sich geistig-geistlich erneuern und mit ihrer frohen Botschaft des Evangeliums zu einem Leuchtturm für alle Menschen guten Willens werden.

Eine begeisternde Sprachfähigkeit

Es ist von großer Dringlichkeit, dass wir unsere missionarische Berufung als prophetisches Zeugnis leben. Dies können wir nur tun aus der Kraft der Hoffnung, die uns letztlich der Geist Gottes schenkt, der die Motivation für die Mission aus unserem Herzen entspringen lässt. Wir müssen den Mut haben und breit sein, über zentrale Themen des christlichen Glaubensgutes in einen intensiven Dialog mit der heutigen säkularen Welt zu treten: „Geht hinaus in die ganze Welt und verkündet das Evangelium der ganzen Schöpfung!“ (Mk 16,15)

 

Demgegenüber erleben wir heute als Einzelne sowie als Gemeinschaft der Gläubigen eine innere Scheu und eine gewisse Sprachlosigkeit, über Gott und den Glauben zu reden. Kann der Grund darin liegen, dass uns selbst die lebendige Erfahrung Gottes fehlt; dass wir in der Kirche wenig Räume haben, Gott zu erfahren? Dabei ist es doch die Gotteserfahrung, welche die Grundlage der Evangelisierung und der Kirchenbindung durch die Verkündigung der Botschaft des Lebens bildet. Denn seit apostolischer Zeit können wir nur das weitergeben, was wir empfangen haben (vgl. Apg 4,20).

 

Gott als die unendliche Liebe zu bezeugen und zu verkünden, ist der erste und entscheidende Schritt auf dem Weg zur Evangelisierung. Um diese Aufgabe überhaupt wahrnehmen zu können, müssen wir selbst Gott als die unendliche Liebe erfahren. Dafür dürfen wir seine Nähe suchen, ihn näher kennenlernen und seine liebende Gegenwart als Kraftquelle erfahren. Auch in der Erfahrung der Abwesenheit Gottes ist es von zentraler Bedeutung, dass wir diese schmerzliche Erfahrung vertrauensvoll und hoffnungsvoll aushalten. Das Vermissen Gottes ist schon Zeichen der Sehnsucht nach Gott. Die intensive Gotteserfahrung ist das Fundament christlicher Sprachfähigkeit und die motivierende Antriebskraft für den dringend notwendigen missionarischen Aufbruch: „Denn die Liebe Christi drängt uns!“ (2 Kor 5,14)

 

Doch wer ist dieser Gott, vom dem wir sprechen wollen?[6] Er ist der Gott, der in Jesus Christus Mensch wurde und für das Heil des Menschen den Kreuzestod auf sich genommen und am dritten Tag von den Toten zum ewigen Leben auferstanden ist. Diese Antwort ist und bleibt unausdenkbar und gleichsam revolutionär. Daher stehen wir stets vor der hermeneutischen Herausforderung, uns um ein authentisches Gottesbild zu bemühen, das dem im Leben und in der Botschaft Jesu offenbar gewordenen Gott entspricht. Das christliche Gotteszeugnis muss sich unterscheiden von den vielen Gottesbildern, die das Bild des wahren Gottes immer wieder überlagern, trüben und verdunkeln. So gilt es, gemeinsam auf den Ursprung unseres Glaubens zu blicken: auf den Gott Jesu Christi und die Selbstoffenbarung Gottes in ihm.

 

Auch in Zukunft steht eine missionarische Kirche vor der Herausforderung, sich der Mitte des christlichen Identitätsgrunds immer wieder neu zu vergewissern und das Bekenntnis zu Gott als unendliche Liebe aus seiner Wurzel heraus zu verstehen, dialogisch verständlich zu machen und zu vermitteln. Dazu müssen wir uns betend um die geistig-geistliche Fähigkeit bemühen, in vielfältiger Weise Zeugnis zu geben und das christliche Bekenntnis im gesellschaftlichen Diskus nicht zu scheuen.

 

Der Jubilar, dem diese Festschrift gewidmet ist, bringt es selbst treffend auf den Punkt: „Der christliche Glaube verkündet ja einen Gott, der sich uns nicht entzieht, sondern der sich offenbart; der nicht schweigt, sondern der uns anruft; der sich nicht versteckt, sondern liebend auf uns zugeht. Der Gott, an den wir glauben, ist kein ‚Irgendetwas‘, sondern er ist der Eine, der zugleich Vater, Sohn und Heiliger Geist ist“[7].

 

Durch sein herausragendes Engagement in Kirche und Gesellschaft gibt Pater Karl Wallner stets ein lebendiges Zeugnis für den dreifaltigen, uns liebenden Gott. Wer ihn kennt, spürt die Freude an Gott und am Glauben, die er unnachahmlich ausstrahlt und seine Mitmenschen für Gott und seine Kirche begeistert.  Hierfür gilt es dem Jubilar, Pater Karl Wallner, zu danken. Es bleibt zu wünschen, dass er auf diese Weise weiterhin zum missionarischen Aufbruch beiträgt. Möge der unendlich liebende Gott ihn für sein Wirken stärken und mit seinem Heiligen Geist als treibender Kraft immer wieder neu inspirieren.

[1] Vgl. Benedikt XVI., Enzyklika Deus caritas est (2005), Nr. 1.

[2] Franziskus, Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium (2013), Nr. 30; 63; 288.

[3] Dieser weise Rat wird dem Hl. Franziskus von Assisi zugeschrieben.

[4] Vgl. Augustin, George, Sehnsucht nach Gott in einer Gott-zentrierten Kirche. Die Erneuerung der Kirche durch eine theozentrische Wende, in: Ders. / Laurs, Stefan / Proft, Ingo (Hrsg.), Sehnsucht: Gott. Für Walter Kardinal Kasper, Freiburg i. Br. 2023, S. 15–35; Ders., Gott zuerst. Mit einer Würdigung von Walter Kardinal Kasper, Ostfildern 2022.

[5] Paul VI., Apostolisches Schreiben Evangelii nuntiandi (1975), Nr. 41.

[6] Vgl. Wallner, Karl Josef, Wie ist Gott? Die Antwort des christlichen Glaubens, Illertissen 2011.

[7] Ebd., 12 (Hervorhebungen G. A.).