George Augustin SAC
Priesterlicher Dienst im Heilsdienst der Kirche[1]
Eine theologisch-spirituelle Betrachtung
Die Bedeutung des priesterlichen Dienstes kann nur verstanden werden auf dem Fundament des Priestertums Jesu Christi.[2] In seinem Priestertum ist sowohl das gemeinsame Priestertum aller Gläubigen zur Verherrlichung Gottes und Heiligung der Welt (vgl. 1 Petr 2,9) als auch der sakramentale Dienst des Priesters für den Aufbau und die Zurüstung des Gottesvolkes zur Erfüllung ihrer ureigenen Berufung begründet.
Durch das Taufsakrament wird allen Christgläubigen Anteil am Priestertum Christi geschenkt. Davon zu unterscheiden ist die Teilhabe am Priestertum Christi durch den Empfang des Sakramentes der Priesterweihe. Diese Unterscheidung in der Teilhabe am Priestertum Christi geschieht „dem Wesen nach“ und nicht bloß „dem Grade nach“, wie das Zweite Vatikanische Konzil eindeutig beschrieben hat.[3] Damit wird der wesentliche Unterschied zwischen beiden Weisen der Teilhabe am Priestertum Christi bezeichnet. Die Teilhabe am Priestertum Christi durch das Weihesakrament ist jedoch nicht als quantitative Steigerung der Teilhabe aller Christen am Priestertum Christi zu verstehen, sondern als eine wesentlich andere Art der Teilhabe. Die im Weihesakrament empfangene Teilhabe am Priestertum Christi führt dessen Empfänger, den Priester, in keinerlei Weise in eine „Machtposition“ oder zu einem besseren Christen. An dieser theologischen Überzeugung der katholischen Kirche festzuhalten, ist von unabdingbarer Bedeutung, um das Miteinander und Füreinander der Christgläubigen und ihrer amtlich bestellten Priester für den Heilsdienst der Kirche in ihrer gegenseitigen Verwiesenheit zu bestimmen und gleichzeitig an der gleichen Würde aller Christen festzuhalten.
Das Verhältnis zwischen dem gemeinsamen königlichen Priestertum aller Gläubigen und dem durch das Weihesakrament verliehenen besonderen Priestertum des Dienstes wird durch die bekannte Aussage des heiligen Augustinus verdeutlicht: „Mit euch bin ich Christ, für euch bin ich Bischof“[4].
Um die theologische und spirituelle Tragweite dieser von der apostolischen Zeit an ununterbrochenen Überzeugung der katholischen Kirche ansichtig zu werden, ist es die Grundvoraussetzung, dass wir die innewohnende Bedeutung des Priestertums Christi für das katholische Selbstverständnis in seiner theologischen Tiefe verstehen.
I. Das Verständnis des Priestertums Christi
Es bedurfte eines langen Glaubensprozesses, um die Tiefe des Priestertums Christi zu begreifen. Das Priestertum Christi war für das Neue Testament insofern neu, als dass Jesus nach dem jüdischen Gesetz nicht Priester sein konnte, weil er zu keiner priesterlichen Familie gehörte. Vom Priestertum Christi ist im Neuen Testament dort die Rede, wo in einer mehr oder weniger typologischen Sicht von seinem Opfer als einer Selbsthingabe die Rede ist.[5]
Beim letzten Abendmahl bezeichnet sich Jesus als der Knecht, der einen Neuen Bund und darin ein neues Gottesvolk stiftet: „Dies ist mein Blut, das Blut des Bundes, das vergossen werden wird für die Vielen“ (Mk 14,24). Der Opferakt als Inbegriff der Liebe schließt so das Leben in sich. Er drückt die vollkommene Gabe seiner selbst an den Vater aus zu Gunsten aller, damit sein Vater die gesamte Menschheit an seinem Geist der Liebe teilnehmen lasse. So wird das ganze Menschenleben zur kultischen Darbringung an Gott.
Aus der bisherigen Überlegung wird der innere Zusammenhang zwischen der Sendung Jesu und seiner Opferhingabe deutlich, wie auch die Gegenseitigkeit seiner Beziehungen. Das Opfer gibt seiner Sendung die Weihe, indem es sie als diejenige des Knechtes Jahwes bestimmt, während die Aufgabe, die Frohbotschaft zu verkünden und die Zeichen des Reiches zu vollbringen, sich im Opfer vollendet. Die von Jesus verkündete frohe Botschaft ist inhaltlich nichts anderes als die Versöhnung aller Menschen durch sein Blut, ihre wiedergewonnene Einheit mit Gott und untereinander durch die Kreuzeshingabe Christi (Eph 2,11-22). Das Priestertum Christi ist somit in seiner Sendung als geliebter Sohn des Vaters begründet.
Der Hebräerbrief thematisiert das Priestertum Christi ausdrücklich. Er will in einer kritischen Glaubenssituation der frühen Kirche seine Adressaten ermutigen, am überlieferten Glaubensbekenntnis festzuhalten (Hebr 2,1-4; 5,11-6,20). Er tut dies, indem er die Bedeutung und bleibende Tragweite des stellvertretenden Sühnetodes Christi und seiner Selbsthingabe herausstellt. Die Einheit von Christologie und Soteriologie ist für das Verständnis des Hebräerbriefes grundlegend; denn eben dadurch, dass es der Sohn Gottes selbst ist, der als der menschgewordene Jesus wirklich den Tod erleidet, schafft dieser auch ein für alle Mal eine endgültige, ewige Versöhnung und Erlösung, welches das gesamte alttestamentliche Opfer- und Priestertum und damit auch das Opferwesen der Religionsgeschichte überhaupt ,aufhebt‘, das heißt ablöst und erlöst. Für unsere heutige Diskussion bleibt bemerkenswert: Der Hebräerbrief behandelt die frühchristliche Krisensituation äußerster Glaubensgefährdung nicht an Symptomen, sondern geht auf die christologisch-soteriologische Glaubensgrundlage selbst zurück, um von dieser Basis aus die Krise zu bewältigen. Seine Hauptthemen sind deshalb die christliche Erlösung und der Glaube. Auch die heutige Identitätskrise des Priestertums und die Glaubenskrise der Kirche überhaupt lassen sich nur aus dem Zentrum des Glaubens überwinden.
II. Sinn des priesterlichen Heilsdienstes
Der Sinn des priesterlichen Heilsdienstes soll im Rahmen dieser Ausführungen ausgehend von der Mitte des Glaubens, nämlich von Christus, Kirche und Eucharistie, erörtert werden. Das Priestertum Christi ist der vollkommenste Heilsdienst. Es ist der Dienst dessen, der das vom Vater gewollte Heilswerk vollbringt, indem er sein Leben als Opfer für die Menschheit hingibt. Diesem Dienst des Sohnes Gottes für das Heil der Welt werkzeuglich zu dienen, ist der Sinn des durch das Sakrament des Weiheamtes übertragenen Priestertums.
Im von Jesus Christus begründeten Neuen Bund sind alle Gläubigen „teilhaftig des Heiligen Geistes“ (Hebr 6,4) und eingeladen, Gott näher zu kommen. Aber aus eigener Kraft und mit eigenen Mitteln kann der Mensch nicht zu Gott kommen. Er ist radikal auf die Mittlerschaft Christi angewiesen. Durch den ewigen Hohenpriester Jesus Christus geschieht die christliche Gottesverehrung, die sich in einer Gemeinschaft von Gläubigen verwirklicht, die ihren „Vorstehern“ gehorchen. Diese Vorsteher vergegenwärtigen die Mittlerschaft Christi als die Mittlerschaft des glaubwürdigen und barmherzigen Hohenpriesters (vgl. Hebr 2,17; 13,7.17).
In Jesus Christus hat die Bedeutung des Priestertums eine solche Tiefe erfahren, dass es eine völlig neue Gestalt bekam. Christus ist nicht nur das Priesteramt zu eigen, sondern er ist auch der alleinige und einzige Priester im vollen Sinn des Wortes. Denn er allein hat den Menschen den Weg erschlossen, der zu Gott führt und sie untereinander vereint.[6] Mit Jesus Christus ist Gottes ‚eschatologischer‘ Bund aufgerichtet (vgl. Hebr 8ff.; 10,16). So sind Priestertum und Priesterdienst Jesu Christi unüberholbar und unabdingbar in der Welt. In seinem Priestertum ist sein Propheten- und Hirtenamt schon eingeschlossen. Denn der Hohepriester ist immer auch „der getreue Zeuge“ (Offb 1,5) und „der gute Hirt“, der sein Leben für seine Schafe lässt (Joh 10,11ff.). Er ist der Apostel des Vaters. Der Vater hat seinen eingeborenen Sohn als Sühnopfer und als Heiland in die Welt gesandt, damit die Welt durch ihn gerettet werde (Joh 3,17). Das Priestertum ist die vollkommene Aussage und treffende Bezeichnung der Heilsfunktion des absoluten Heilsbringers Jesus Christus.
Das Priestertum Christi hat Bekenntnischarakter bezogen auf das Gesamtleben Jesu. Nur in der Ganzheit seines Handelns und Lebens konnte das Priestertum Jesu in all seinen Momenten und Aspekten als die alles vereinende Mitte seiner Person bekannt werden. Von der vollen Erlösung des Menschen kann nur dann gesprochen werden, wenn in Jesus Christus in unverkürzter Weise Gott und Mensch vereint sind. Die Identität des christlichen Daseins und des priesterlichen Dienstes hängt von der Identität des „Gott-Menschen“ Jesus Christus ab. Deshalb müssen wir die Unmittelbarkeit des Christusmysteriums neu entdecken. Die Größe Jesu Christi als absoluten Heilsbringer offen zu halten, das ist die priesterliche Würde des priesterlichen Volkes. Hier geht es um die beiden Dimensionen seiner Sendung: Den Abstieg Gottes zu den Menschen, indem Christus zu den Menschen kommt und ihnen gegenübertritt, und den Aufstieg der Menschen zu Gott. Christus bringt in seiner ganzen Hingabe die Menschheit vor den Vater. Das ist der Weg der Verherrlichung Gottes in der Welt. Die in seiner Sendung zum Vorschein kommenden Dimensionen müssen auch in der Verwirklichung des Priestertums Christi in der Kirche sichtbar sein: Gott zu den Menschen bringen und die Menschen zu Gott führen.
Die vollkommene Verherrlichung Gottes und die Heiligung der Menschen als Werk Christi bilden eine Einheit in der Verwirklichung des Priestertums Christi. Sie verwirklicht sich heute in der Liturgie der Kirche. Die Erhabenheit und Fülle des Priestertums Christi wird nur dann verständlich, wenn wir die Tiefe der Liturgie begreifen, in der der auferstandene Christus selber gegenwärtig ist und wirkt. Denn die Liturgie der Kirche ist die vorauskostende Teilnahme an der himmlischen Liturgie. Diese eschatologische Dimension muss in der Darstellung des Priestertums Christi offenbleiben, sowohl durch das königliche Priestertum aller Gläubigen als auch durch das besondere Priestertum des Dienstes. Die Zentralität der Verherrlichung Gottes muss heute nicht nur in der Amtsdiskussion, sondern auch im Verständnis von Christsein und Kirchesein überhaupt neu entdeckt werden. Denn sowohl der Grund der Berufung als auch die Existenzberechtigung der Kirche ist das Zeugnisgeben für die Herrlichkeit Gottes.
Das Zweite Vatikanum lenkt noch vor der Erörterung des Weihepriestertums den Blick auf das „heilige Priestertum“ der Getauften und erhebt dessen priesterlichen Charakter, der sich vor allem darin beweist, dass die Gläubigen kraft „ihres königlichen Priestertums an der eucharistischen Darbringung“ mitwirken „und ihr Priestertum im Empfang der Sakramente, im Gebet, in der Danksagung, im Zeugnis eines heiligen Lebens, durch Selbstverleugnung und tätige Liebe“ ausüben.[7] Weil das eine wie das andere Priestertum seinen Ursprung im Priestertum Christi hat, sind sie beide einander zugeordnet.
Daraus lässt sich ableiten, dass sie einander dienen und befruchten. Wenn auch einige nach Gottes Willen als Lehrer, Ausspender der Geheimnisse und Hirten für die anderen bestellt sind, so waltet doch unter allen eine wahre Gleichheit in der allen Gläubigen gemeinsamen Würde und Tätigkeit zum Aufbau des Leibes Christi. Der Unterschied, den der Herr zwischen den geweihten Amtsträgern und dem übrigen Gottesvolk gesetzt hat, schließt eine Verbundenheit ein, da ja die Hirten und die anderen Gläubigen in enger Beziehung miteinander verbunden sind. So geben alle in der Verschiedenheit Zeugnis von der wunderbaren Einheit im Leibe Christi, weil „dies alles der eine und gleiche Geist wirkt“ (1 Kor 12,11)[8]. Die Wesensverschiedenheit der Dienste bei gleicher Dignität in der übernatürlichen Berufung aller zur Heiligkeit ist in der Tiefe der von Christus im Heiligen Geist gewirkten Heilsordnung verankert.
III. Das sakramentale Weiheamt
Im Lichte unserer Überlegung über das Priestertum Christi können wir im Hinblick auf das Priestertum des Dienstes festhalten: Was wir heute als Priestertum des Dienstes bezeichnen, das Priestertum der „Diener des Neuen Bundes“ (2 Kor 3,6), ist nur existent als „spezifische Fortsetzung“ des eschatologischen Priestertums Jesu Christi. Das geweihte Amt hat Ursprung, Grund und Legitimation in Person und Sendung Jesu Christi. „Denn einen anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist: Jesus Christus“ (1 Kor 3,11). Der priesterliche Dienst hängt vom Heilsplan Gottes und dem Geheimnis Christi und seiner Kirche ab. Im Zentrum des Heilsplans Gottes steht Jesus Christus in seinem Geheimnis der Menschwerdung für die Erlösung der Welt. Zum ganzen Geheimnis Christi gehört sowohl seine Göttlichkeit, wie sie der Glaube der Kirche bekennt, als auch die Realität und die Kraft seiner menschlichen und historischen Dimension. Wir müssen ihn darstellen als den von der Kirche geglaubten, verkündeten und gefeierten Christus. Er ist der Verkünder und Verwirklicher des Reiches, Gründer seiner Kirche. Er ist der lebendige Christus, der in seiner Kirche und in der Geschichte wirkmächtig gegenwärtig bleibt und handelt.
Der priesterliche Dienst ist nichts anderes, als wie Christus und in seinem Namen Werkzeug der Erlösung zu sein. Aus dem Glauben an die Erlösung durch Christus und dem Wissen um die Nähe Gottes in unserem Tun können wir Zeichen der Nähe Gottes für die Menschen sein. Das Unterscheidende am Priestersein liegt gerade darin, dass in all dem, was der Priester tut und was der Priester tun muss, diese Nähe Gottes spürbar und erlebbar bleibt.
Diese Christusrepräsentation bedeutet eine sichtbare Vergegenwärtigung. Sie bezieht sich auf den auferstandenen Herrn, der zur Rechten des Vaters sitzt und wiederkommen wird, also auf den eschatologischen Christus. Der Auferstandene, der wiederkommen wird, ist derselbe, der auf Erden gelebt hat und gekreuzigt wurde. Aber es ist doch wichtig, sich bewusst zu werden, dass es sich bei der Christusrepräsentation darum handelt, dass die Gegenwart des Auferstandenen und Erhöhten sichtbar gemacht wird. Der Priester repräsentiert Christus als ewigen Priester, der mit seinem ein für alle Mal dargebrachten Opfer in Ewigkeit beim Vater für uns eintritt. Grundlegend ist, dass der Priester als Mensch den menschgewordenen Sohn Gottes repräsentiert. Es gehört deshalb wesentlich zur Christusrepräsentation, dass durch Wort und Handeln des Priesters deutlich wird, dass alles auf Christus bezogen ist und dieser selbst unsichtbar durch ihn handelt.
IV. Priesterlicher Dienst zur Verherrlichung Gottes
Das durch das Sakrament der Weihe übertragene Priestertum des Dienstes können wir nur von seinem unerlässlichen Kern her bestimmen, nicht aber von seinen oft wünschenswerten, oft vorhandenen, doch nicht immer gleichen Ausgestaltungen her. Das Herz und die Mitte dieses Dienstes ist und bleibt die eucharistische Vollmacht.[9] Denn in der Eucharistiefeier wird das Priestertum Christi in seiner ganzen Tiefe und Fülle sichtbar. Die Eucharistiefeier ist der zentrale Ort der Verwirklichung des königlichen und des besonderen Priestertums. Hier geschieht die höchstmögliche Verherrlichung Gottes in der Welt. Die Verherrlichung Gottes ist die sinngebende Mitte des Christseins und des priesterlichen Dienstes.
Deshalb ist es von unverzichtbarer Bedeutung für das Christsein und das Kirchesein in unserer Zeit, auf einen Perspektivenwechsel hinzuwirken. Die Bedeutung der Liturgie, insbesondere der Eucharistie, gilt es, neu zu entdecken und gleichzeitig das ganze Christsein als Sein für Gott und vor Gott zu leben, als Verherrlichung Gottes. Aus der Sicht des Konzils ergibt sich von selbst: Die Rede sowohl vom königlichen Priestertum aller Gläubigen als auch vom priesterlichen Dienst erhält ihre Existenzberechtigung aus dem Ziel: Die Ehre Gottes, des Vaters, in Christus.[10] Die ganze christliche Existenz muss von diesem Ziel her und auf dieses Ziel hin verstanden werden. Pastoral und Seelsorge sollten als Mittel zur Erreichung dieses Zieles gesehen werden.
V. Zum Gelingen priesterlichen Lebens und Dienstes
Die Besinnung auf das Priestertum Christi bietet die Grundlage für eine bleibend zeitgemäße Spiritualität des Lebens und Dienstes des Priesters. In seiner Zeit hat dies schon das Zweite Vatikanische Konzil im Dekret Presbyterorum Ordinis über Dienst und Leben der Priester in prophetischer Weise aufgegriffen. Das Konzilsdekret thematisiert das schwierige Problem der Priester, trotz der zerreißenden Fülle verschiedener Aufgaben im pastoralen Alltag die innere Einheit ihres Lebens zu wahren.[11] In Anbetracht solch schwieriger Erfahrungen lädt das Dekret die Priester ein, im tiefen Bewusstsein der Einheit mit Christus diese Herausforderung zu bewältigen: Christus, der schwache Menschen in seine Nachfolge beruft, befähigt diese durch das Weihesakrament, in seinem Namen zu handeln und ermutigt sie zugleich durch die Erfüllung des priesterlichen Dienstes den Weg zu einem gelingenden Leben zu finden.
Christus bleibt „immerfort Ursprung und Quelle für die Einheit ihres Lebens. Die Priester werden also ihrem Leben eine einheitliche Linie geben, wenn sie sich mit Christus vereinigen im Erkennen des väterlichen Willens und in der Hingabe für die ihnen anvertraute Herde. Wenn sie so die Rolle des Guten Hirten übernehmen, werden sie gerade in der Betätigung der Hirtenliebe das Band der priesterlichen Vollkommenheit finden, das ihr Leben und ihr Wirken zur Einheit verknüpft … Dazu gelangt er jedoch nur, wenn er sich selbst immer inniger in das Geheimnis Christis betend vertieft … Die Treue zu Christus kann ja von der Treue zu seiner Kirche nicht getrennt werden. Die Hirtenliebe erfordert also, dass die Priester, um nicht ins Leere zu laufen, immer in enger Verbindung mit den Bischöfen und mit den anderen Mitbrüdern im Priestertum arbeiten. Wenn sie nach diesem Grundsatz handeln, werden sie die Einheit für ihr eigenes Leben in der Einheit der Sendung der Kirche finden und so mit ihrem Herrn und durch ihn mit dem Vater im Heiligen Geist vereint werden, sodaß sie mit Trost und überreicher Freude erfüllt werden können“[12].
Es ist von grundlegender Bedeutung für eine priesterliche Spiritualität, das Priestersein als eine besondere Berufung zur Nachfolge Christi zu verstehen. Wie Jesus Christus auf Gott hin bezogen ist, so auch alle, die in seiner Nachfolge und in ihm Priester sind. Die tragende Mitte und bleibender Wesenszug des priesterlichen Lebens und Dienstes ist der Christusbezug. Wie Christus sein Leben zur Ehre seines Vaters gelebt hat, soll auch der priesterliche Dienst zur Verherrlichung Gottes geschehen.
Solche tiefe Besinnung auf das Fundament der priesterlichen Existenz ermöglicht uns, neue Inspiration und nachhaltige Perspektiven für unseren Dienst an der Heilssorge Gottes für die Menschen zu entwickeln. Der Priester darf nie vergessen, dass Christus durch seinen Dienst selbst am Werk ist.
Der Auftrag und die Sendung des Priesters erfordern deshalb die vollkommene Treue zu Christus und innige Einheit mit ihm. Priester sind berufen, „Freunde Christi“ zu sein. Die Treue des Priesters wächst aus der innigen Freundschaft mit Christus. Die tiefe Bindung an ihn ist die Kraftquelle für das Leben und den Dienst des Priesters. Als Diener Christi können wir in seiner Gnade Diener der Freude sein. Nur in der lebendigen Freundschaft mit Christus kann der Priester seine Sendung verwirklichen, „Gesandter Christi“ zu sein. Im ganzen Leben geht es um eine bleibende Einübung in die Freundschaft mit Jesus.
Wenn der Priester aus der Freundschaft mit Christus lebt, kann er die Menschen zu ihm führen. Die Berufung und die Sendung des Priesters gewinnen in Christus ihre spirituell prägende Gestalt und ihr spezifisches Profil.
Aus der lebendigen Christusbeziehung heraus entwickelt und verwirklicht sich die christlich gelingende Gestalt des Priesterseins. Als Priester finden wir das einigende, tragende und vor allem ermöglichende Fundament des vielfältigen pastoralen Handelns, wenn es uns gelingt, glaubend, hoffend, liebend und vor allem betend in das Geheimnis Christi, so weit wie möglich, einzudringen und dieses zu vertiefen.
Die gelebte innere Beziehung zu Christus ist der Weg zur Heiligkeit. Wenn der Priester diesen Weg der Christusbeziehung lebt, kann er viele Menschen zur Heiligkeit führen. So können Priester „Reisebegleiter“ für die Menschen auf ihrem Weg zur christlichen Vollkommenheit und Heiligkeit werden.
[1] Wenn ich diesen Beitrag für die Ordenskorrespondenz schreibe, ist mir bewusst, dass viele Fragen über den priesterlichen Dienst, die heute diskutiert werden, in der Regel die Ordenspriester nicht betreffen, so z.B. die Frage nach Machtteilung, dem verpflichteten Zölibat (welcher in Ordensgemeinschaften durch die abgelegten Versprechen/Gelübde geklärt ist) und nach der verwaltungsmäßigen Gemeindeleitung – auch wenn einige Ordenspriester in der Gemeindeleitung eingesetzt sind.
[2] Vgl. hierzu und zu Folgendem die ausführliche Darstellung in: G. Augustin, Zur Freude berufen. Ermutigung zum Priestersein, Freiburg i. Br. 2010; ders. (Hg.) Priester sein heute. Leben – Berufung – Sendung, Ostfildern 2019.
[3] LG 10.
[4] Aug. serm. 340, 1; vgl. auch LG 32.
[5] Zur ausführlichen Darstellung des Priestertums Christi im NT vgl. H. Schlier, Grundelemente des priesterlichen Amtes im Neuen Testament, in: Theologie und Philosophie, 1969, 168-171.
[6] Vgl. die Beschreibung der Kirche in LG 1.
[7] LG 10.
[8] LG 32.
[9] Vgl. LG 28.
[10] Vgl. PO 2.
[11] Vgl. ebd.
[12] PO 14.