George Augustin SAC
Sehnsucht nach Gott in einer Gott-zentrierten Kirche
Die Erneuerung der Kirche durch eine theozentrische Wende
1. Sehnsucht nach Gott
Allen Menschen verbindet die existentielle Sehnsucht nach Sinn, Glück und Erfüllung ihres Lebens. Auch wenn sie die Erfüllung ihrer Sehnsucht in unterschiedlichen Kontexten und Lebenswirklichkeiten suchen, zeichnet sich diese, alle Menschen verbindende existentielle Suche als eine tiefgehende Sehnsucht nach Gott ab, der allein die letzte Erfüllung des Menschen sein kann. Denn der Mensch ist auf Gott hin geschaffen und findet allein in ihm seine letztgültige Erfüllung. Augustinus formuliert dies in klassischer Weise, wenn er den Menschen als „Homo desiderium Dei“ bezeichnet – „Der Mensch ist Sehnsucht nach Gott“.[1]
Es ist der Auftrag der Kirche, im Menschen die Sehnsucht nach Gott wachzuhalten und ihnen Gottes Nähe und Gegenwart zu vermitteln. Unzweifelhaft gelingt es der Kirche als Institution heute nur unzureichend, diese Sehnsucht der Menschen zu stillen, das heißt, Gott und seine wirkmächtige Gegenwart in seiner Kirche hörbar, sichtbar und erfahrbar zu machen. Die Beschäftigung mit vielen Nebensächlichkeiten und das sündhafte Verhalten einiger Mitglieder verstellen das Gesicht der Kirche und das Wesentliche, die Gegenwart Gottes, bleibt verdeckt und geht zunehmend verloren. Es ist daher ein Zeichen unserer Zeit, dass Menschen Gott und Kirche nicht mehr miteinander in Einklang bringen können, weshalb sich viel Menschen von der Institution Kirche zunehmend distanzieren. Sie entdecken kaum noch eine innere Verbindung zwischen der Kirche als Institution und Gott, der die kirchliche Existenz erst begründet. So hängt die Zukunftsfähigkeit der Kirche allein von ihrer Gottfähigkeit ab. Mit der Gottesfrage steht und fällt die Kirche.
Die Erneuerung des Glaubens durch Evangelisierung und die Reform der Kirche durch tiefgreifende strukturelle Veränderungen sind seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil vieldiskutierte Themen des innerkirchlichen Diskurses. Die Frage nach der Kirche und ihrem Wesen sowie ihrer strukturellen Beschaffenheit und ihr Verhältnis sowie ihre Anschlussfähigkeit zur zeitgenössischen Gesellschaft stehen weithin im Vordergrund des öffentlichen Interesses. „Es zeigt sich jedoch, dass sie auf der Ebene der Ekklesiologie allein nicht gelöst werden können. Mit dem Programm des Heutigwerdens geriet die Kirche sogar in der Gefahr, vor lauter Offenheit ihre Eindeutigkeit zu verlieren; dort, wo sie aber eindeutig und klar zu reden versuchte, kam sie in die Gefahr, an den Menschen und ihren Problemen vorbei zu agieren. Bemüht sie sich um Identität, droht sie ihre Relevanz zu verlieren; bemüht sie sich dagegen um Relevanz, droht sie ihrer Identität verlustig zu gehen. Aus diesem Dilemma kann nur eine vertiefte Besinnung auf den eigentlichen Grund und Sinn der Kirche und Ihre Aufgabe in der Welt von heute herausführen. Sinn und Grund der Kirche ist aber nicht irgendeine Idee, kein Prinzip und kein Programm, auch nicht einzelne Dogmen und moralische Gebote, schon gar nicht bestimmte kirchliche und gesellschaftliche Strukturen. Das alles hat an seinem Ort sein Recht und seine Bedeutung. Grund und Sinn der Kirche sind jedoch ein Name, eine Person: Jesus Christus.“[2]
Aus diesem Grund ist das Fundament aller Erneuerung des christlichen Glaubens und der Kirche das Bekenntnis von Jesus Christus als Herrn und Gott (vgl. Joh 20,28). „Das Bekenntnis Jesus Christus begründet sowohl die Bestimmtheit, Unverwechselbarkeit und Unterschiedlichkeit des Christlichen wie dessen universale Offenheit und weltweite Verantwortung. Die ungelösten Probleme der Ekklesiologie können darum nur im Rahmen einer erneuerten Christologie gelöst werden. Sie allein kann der Kirche dabei helfen, ihre Universalität und ihre, im ursprünglichen Sinn verstandene Katholizität zurückzugewinnen, ohne dabei die Torheit des Kreuzes zu verlieren und dabei die eigentliche Provokation des Christlichen aufzugeben.“[3] Das Gebot der Zeit und die Grundlage aller Erneuerung sind somit eine dringend notwendige theozentrische Wende, eine Umkehr zu Gott, wozu uns das Evangeliums eindringlich auffordert: „Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt an das Evangelium!“ (Mk 1,15) „Euer Herz lasse sich nicht verwirren. Glaubt an Gott und glaubt an mich!“ (Joh 14,1)
Diese Einladung des Evangeliums scheint sich diametral zu den Lebenswirklichkeiten einer säkularen Gesellschaft, also einer Gesellschaft ohne Gott zu verhalten. Die Kirche als Teil dieser Gesellschaft weist selbst zunehmend Säkularisierungstendenzen auf, zugespitzt formuliert: Kirche steht weithin in der Gefahr Gott zu vergessen. Damit verliert sie ihre Relevanz und ihre Identität. Deshalb ist es an der Zeit, mehr von Gott zu reden![4] Die Gottesrede meint hier nicht theologische Gottesspekulation: Es geht nicht darum, überGott zu spekulieren und auf abstrakter Ebene Reflexionen anzustellen. So wichtig dies freilich ist, gilt es dennoch zunächst, Kirche selbst zuerst als Gott-suchende Gemeinschaft und schließlich als Gegenwartsort Gottes sichtbar und erfahrbar zu machen. Dies ist die fundamentale Voraussetzung, um Gott-suchende Menschen einzuladen, den Gott zu finden, der allein die tiefste menschliche Sehnsucht zu stillen vermag. Dieser Sehnsucht entspringt die Frage nach dem Sinn des Lebens, auf die Gott als die alles Bestimmende Wirklichkeit die adäquate Antwort ist. Die Gottesfrage ist die Seele des Glaubens und die existenzielle Sinnfrage des Menschen. Mit der Gottesfrage werden wir niemals fertig. Die Kirche darf sich daher nicht in Strukturdebatten verlieren, sondern muss sich ihrer ureigenen Aufgabe widmen: Gott mit aller Kraft zu suchenund ihn mit Freude zu verkünden. „Sucht aber zuerst sein Reich und seine Gerechtigkeit; dann wird euch alles andere dazugegeben“ (Mt 6,33).
2. Gottessuche und Gottesverehrung
Es ist die missionarische Sendung der Kirche, gottsuchende Menschen zum Glauben an den in Jesus Christus offenbar gewordenen Gott einzuladen.[5] Bereits die ersten Christen zeigten sich missionarisch und bemühten sich aufzuzeigen, dass „der in Jesus Christus offenbare Gott kein anderer ist als der Schöpfer der Welt und so der eine und einzige Gott schlechthin.“[6] Das Gesamt des christlichen Gottesglaubens kulminiert in dem Bekenntnis: Der allmächtige Gott, der Schöpfer und Vollender der Welt, wurde für die Menschheit in Jesus Christus bleibend gegenwärtig: „Wer mich sieht, sieht den, der mich gesandt hat.“ (Joh 12,45); „Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen.“ (Joh 14,9).
Was uns als Christen, als Kirche zutiefst verbindet, ist unser Gottesbekenntnis und unsere Glaubenserfahrung. Unsere persönliche Beziehung zu Gott verbindet uns, auch wenn wir unterschiedliche Berufungs- und Glaubenswege gehen. Alle unterschiedlichen aber komplementären, d. h. sich gegenseitig ergänzenden Dienste stehen durch das alles Verbindende in Beziehung. Die Gottesbeziehung gibt uns Einheit und macht uns zu dem, was wir sind. Vor diesem Hintergrund bedeutet Reform der Kirche eine grundlegende Vertiefung und Verlebendigung der Gottesbeziehung. Erneuerung bedeutet diesbezüglich Verlebendigung des Glaubens, Stärkung der Hoffnung und Entfaltung der Liebe.
Die Kirche als Glaubensgemeinschaft muss die Sehnsucht nach Gott und den himmlischen Dingen wachhalten: „Meine Seele dürstet nach dem lebendigen Gott, wann darf ich kommen und vor Gottes Angesicht erscheinen?“ (Ps 42,3) Wenn wir nur lieben, was sichtbar ist, können wir das Unsichtbare – das Himmlische – nicht lieben, selbst wenn wir an seine Existenz glauben. Auch wenn wir die Freude an den Gaben empfinden, sollten wir dabei nicht vergessen, wer der Geber der Gaben ist. Deshalb gilt es die Liebe zu Gott neu zu entdecken und bewusster zu leben. In diesem Zusammenhang ist der Satz des Thomas von Aquin aus seiner Summa theologiae sehr bedenkenswert und inspirierend zugleich: „Der Mensch liebt in natürlicher Zuneigung Gott mehr und ursprünglicher als sich selbst.“[7]
Wir müssen Gottes- und Nächstenliebe unterscheiden und die erste vor die zweite setzen. Liebe zu Gott können wir nicht gleichsetzen mit der Aufforderung zur Nächstenliebe. Gott können wir lieben, weil er uns zuerst liebt und unsere Liebe ermöglicht. Den Nächsten lieben wir in der Regel nicht, weil er uns zuerst geliebt hat oder lieben wird. Die Motivation der christlichen Nächstenliebe entspringt letztendlich aus der Liebe zu Gott. Eine theozentrische Wende bedeutet, dass wir der Liebe zu Gott die Priorität geben. Im alten Katechismus heißt es: „Wozu sind wir auf Erden? Wir sind auf Erden, um Gott zu erkennen, ihn zu lieben und ihm zu dienen und einst ewig bei ihm zu leben.“ Wenn man die heutige kirchliche Situation betrachtet, macht uns dieses einfache Katechismuswissen nachdenklich. Ist uns heute die Tragweite dieser Antwort bewusst, dass unsere Lebensbestimmung darin besteht, dass wir auf Erden sind, um Gott zu ehren und ihn zu verherrlichen?
Wenn wir heute der Wahrheit von Gott und Mensch aus der Mitte der Botschaft Jesu gerecht werden wollen, müssen wir nicht nur die Liebe und Barmherzigkeit Gottes zu den Menschen thematisieren, sondern auch aus der sachlichen Logik des christlichen Glaubens heraus die Notwendigkeit der Liebe des Menschen zu Gott neu betonen. Was ist die Antwort der Menschen auf die unendliche Liebe Gottes zu den Menschen? Wenn wir die Gottesliebe nicht in den Mittelpunkt stellen, gehen wir des Wesens des christlichen Glaubens verlustigt.
Das Dasein Gottes ist ein Dasein für uns Menschen. Er ist wirksam gegenwärtig für uns und unser Heil. Wenn Gott für uns da ist, dann müssen wir zuerst aus Dankbarkeit in der Gegenwart Gottes verweilen und zu seiner Verherrlichung leben. Wir verdanken Gott unser Leben und wir sind Gott zu eigen, und unser Leben vollzieht sich in der von Gott geschenkten Zugehörigkeit zu ihm. Während Gott seinen Willen im Rahmen des Bundes dem ganzen Volk kundtut, teilt er ihn auch jedem Einzelnen mit, indem er sich in der ersten Person immer an den Einzelnen wendet: „Ich bin der Herr … du sollst …“ (vgl. Dtn 5,6–21; Ex 20,2–17).
Unsere gottgefällige Lebensführung ist die Antwort auf das liebende Handeln des Herrn. Sie ist Anerkennung und Danksagung an Gott. „Das sittliche Leben ist ein geistiger Gottesdienst“[8]. Die Grundlage unseres Lebens ist die persönliche Gottesbeziehung. Innerhalb dieser Beziehung sehen wir die ganze Wirklichkeit in neuem Licht. Als Kinder Gottes sind wir berufen, Gott zu lieben und zu loben. Dankbarkeit ist die erste Bewegung des Herzens für unsere Berufung zum Christsein: Mit Freude, sagt der Apostel Paulus, sollen wir dem Vater danken, der uns fähig gemacht hat, „Anteil zu haben am Los der Heiligen, die im Licht sind.“ (Kol 1,12). Wir sollen Gott für die uns geschenkten Wohltaten danken und ihn preisen.
Es scheint heute nötiger denn je zu sein, dass uns in unserem christlichen Leben bewusst wird, dass wir das erste Gebot Jesu ernst nehmen sollen, dass wir zuerst Gott lieben müssen, mit ganzem Herzen und ganzer Seele und allen Gedanken und aller Kraft. Solche gelebte Liebe zu Gott ist die Kraftquelle für all unsere Bemühungen, unseren Nächsten zu lieben, wie uns selbst (vgl. Mk 12,28–31). Die Wichtigkeit der Gottesliebe ist mit der Verheißung des Bundes verbunden und sie ist eine Grundforderung Gottes: „Höre, Israel! Der Herr, unser Gott, der Herr ist einzig. Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft. Und diese Worte, auf die ich dich heute verpflichte, sollen auf Deinem Herzen geschrieben stehen. Du sollst sie deinen Kinder wiederholen. Du sollst sie sprechen, wenn du zu Hause sitzt und wenn du auf der Straße gehst, wenn du dich schlafen legst und wenn du aufstehst. Du sollst sie als Zeichen um das Handgelenk binden. Sie sollen zum Schmuck auf deiner Stirn werden. Du sollst sie auf die Türpfosten deines Hauses und in deine Stadttore schreiben.“ (Dtn 6,4–9) Es geht um die ganzheitliche Durchdringung des Menschen durch die Gottesliebe. Die Gottesliebe bestimmt und prägt den Menschen. Das Ganze, das Letzte und das Entscheidende der Religion und somit die Existenzgrundlage der Kirche ist die Liebe zu Gott.
Aus dieser Eindringlichkeit müssen wir das Christsein als gelebte Gottesliebe verstehen. Allerdings müssen wir Gott, weil er Gott ist, auch um seinetwillen lieben und die Versuchung überwinden, ihn zu funktionalisieren. Die Mystik des Hochmittelalters spricht von Gottes „Nutzlosigkeit“. Lieben wir Gott, weil wir von Gott etwas erwarten oder empfangen, oder lieben wir ihn um seiner selbst willen. Meister Eckhart drückt diesen Gedanken sehr anschaulich aus: Sie „wollen Gott mit den Augen ansehen, mit denen sie eine Kuh ansehen und wollen Gott lieben, wie sie eine Kuh lieben. Die liebst du wegen der Milch und des Käses und deines eigenen Nutzens. So halten’s all jene Leute, die Gott um äußeren Reichtums oder inneren Trostes willen lieben; die aber lieben Gott nicht recht, sondern sie lieben ihren Eigennutz. Ja, ich sage bei der Wahrheit: Alles, worauf du dein Streben richtest, was nicht Gott in sich selbst ist, das kann niemals so gut sein, dass es dir nicht ein Hindernis für die höchste Wahrheit ist.“[9]
Wir leben die Gottesliebe, wenn wir im demütigen Vertrauen auf Gottes Beistand hoffen und die verwandelnde Macht seines Geistes in uns entfalten lassen. Es ist die Sehnsucht, in Gottes Angesicht zu leben. Diese Liebe verleiht dem Leben Sinn und Glück. Wenn Gott uns als Liebe zugewandt ist, sind wir aus Dankbarkeit verpflichtet, Gott mit ganzem Herzen zugewandt zu sein. Dabei gilt es, die christologische Dimension des Christseins und der Gottesliebe neu zu entdecken. Dann leben wir mit Jesus Christus und nehmen an seiner Gottverbundenheit teil.
Wenn Jesus von seinem Vater spricht, ist dieser für ihn das konkrete Gegenüber seines glaubenden Vertrauens und seines sich hingebenden Gehorsams. Es gilt zu erkennen, dass er von seinem Vater in seinem ganzen Leben und Handeln angetrieben und durchleuchtet ist, dass er ganz und gar aus dieser Wirklichkeit lebt. Zu diesem Gott bekennt er sich. Diesen Gott soll der Mensch von ganzem Herzen lieben. Die Liebe zu Gott steht im Mittelpunkt seines Handelns und diejenigen, die Jesus nachfolgen, sollen auch diese Liebe zur Motivationskraft ihres Handelns werden lassen. „Niemand hat Gott je gesehen. Der Einzige, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht.“ (Joh 1,18). Weil er als Sohn vor dem Angesicht Gottes in innerster Einheit mit dem Vater lebt, kann er uns das Geheimnis des göttlichen Lebens offenbaren. Wie das Leben des Sohnes im Vater verankert ist, so sollte auch unser Leben in seiner Nachfolge verankert sein. In der Nachfolge Christi zu sein heißt: Sich von ihm in sein Verhältnis zum Vater hineinnehmen zu lassen. Er schenkt uns die Möglichkeit in der Gegenwart Gottes zu sein. Wenn wir das Leben Jesu betrachten und sein Persongeheimnis deuten, erkennen wir eine doppelte Proexistenz. Sein Leben war ein Dasein für den Vater und ein Dasein für das Heil der Welt. In seiner Nachfolge sind wir als Einzelne und als Gemeinschaft der Kirche berufen und gesandt, diese doppelte Proexistenz Christi zu leben. Vor und für Gott zu sein, um für die Menschen da zu sein.
Die Evangelien berichten, dass Jesus sich immer wieder auf den Berg zurückzog und dort betete, allein mit seinem Vater. „Mit-dem-Vater-sein“ und in der Sohnesgemeinschaft mit dem Vater zu sein, war die Kraftquelle Jesu.[10] Das Christsein ist die Teilnahme an der Sohnesgemeinschaft Jesu mit seinem Vater. Diese Teilnahme kommt dann zum Ausdruck, wenn wir in der Gemeinschaft mit dem erhöhten Herrn sind und in ihm und durch ihn beten. Das ist die Verherrlichung Gottes. „Ich habe dich auf der Erde verherrlicht.“ (Joh 17,4) Wir sind eingeladen, an der Verherrlichung des Vaters durch Jesus teilzuhaben. Die Verherrlichung Gottes ist der existenzielle Vollzug unserer Gottesbeziehung und unseres Gottesbekenntnisses.
Das ganze christliche Leben soll Verherrlichung Gottes sein. Die Mahnung des Apostels Paulus an die Gläubigen in Rom, ein gottgefälliges Leben zu führen, gilt für alle Christen an allen Orten. Die Institution Kirche soll die Verherrlichung Gottes garantieren und ermöglichen: „Angesichts des Erbarmens Gottes ermahne ich euch, meine Brüder, euch selbst als lebendiges und heiliges Opfer darzubringen, das Gott gefällt; das ist für euch der wahre und angemessene Gottesdienst. Gleicht euch nicht dieser Welt an, sondern wandelt euch und erneuert euer Denken, damit ihr prüfen und erkennen könnt, was der Wille Gottes ist: Was ihm gefällt, was gut und vollkommen ist.“ (Röm 12,1–2)
Aus der theozentrischen Wende ergibt sich die Notwendigkeit, die Gottesverehrung neu zu entdecken und ihr einsichtig zu werden und sie ansichtig zu machen. Damit wird die Notwendigkeit des liturgischen Lebens der Christen unterstrichen. Wir feiern die Liturgie zum Lobe und Ruhme seines Namens und zum Segen für die ganze heilige Kirche. Wir sollen die Dimensionen der Gottesverehrung in der Liturgie immer wieder neu entdecken und den absoluten Primat Gottes in der Liturgie betonen.
Liturgie ist nicht der Ort, um zu moralisieren oder zu politisieren, sondern sie ist der Ort der Begegnung und Anbetung Gottes. Die gegenwärtige Krise der Kirche ist auch eine Krise des mangelnden Verständnisses der Liturgie und der mangelnden Bereitschaft, am liturgischen Leben teilzunehmen. Die wahre Erneuerung des Glaubens kommt durch die aktive Teilnahme am liturgischen Leben der Kirche. „Der Lobpreis Gottes in der Liturgie ist nach dem letzten Buch der Hl. Schrift, der Offenbarung des Johannes, Vorfeier und Antizipation der eschatologischen Erfüllung in der ewigen Freude bei Gott. In der liturgischen Feier soll sich der Himmel antizipatorisch einen Spalt weit öffnen. Während wir Gott jetzt nur in einem Spiegel und in rätselhaften Umrissen erkennen, werden wir ihn, wenn Gott alles in allem sein wird (1 Kor 15,28), von Angesicht zu Angesicht erkennen (1 Kor 13,12) und schauen, wie er ist (1 Joh 3,2).“[11] Diese endgültige Erfüllung wird heute in der Eucharistie vergegenwärtigt und gefeiert. Deshalb kann eine sich erneuernde Kirche nur eine eucharistische Kirche sein. Wahre Erneuerung des christlichen Glaubens führt im Letzten zu Erneuerung und Vertiefung der Liebe zur Eucharistie. Denn durch die Eucharistie wird die Kirche ständig erneuert und aufgebaut.
Es ist ein Geschenk seiner Gnade, dass wir Gott loben können, jedoch müssen wir mit dieser Gnade aktiv mitarbeiten. Der Apostel Paulus ermutigt uns, in der Nachfolge Christi wie Jesus vor Gott zu leben: „Sein Leben aber lebt er für Gott. So sollt auch ihr euch als Menschen begreifen, die für die Sünde tot sind, aber für Gott leben in Christus Jesus.“ (Röm 6,10f.) Dieses Leben für Gott ist die Ehre Gottes. Wir ehren Gott in dieser Welt, indem wir Christus nachfolgen. Der Maßstab der Ehre Gottes ist Jesus Christus selbst und sein Leben. Christus als Gottmensch ist im radikalen Sinne in seinem Sein und Schicksal die Ehre Gottes. In einer radikalen Christozentrik sind wir als kirchliche Gemeinschaft berufen und zugleich befähigt, Gott mit unserem Leben zu ehren und zu verherrlichen. Wir ehren Gott durch die christusförmige Gestaltung unseres Lebens und der Kirche.
Dazu gibt uns das Gebet die Kraft im christlichen Leben. Das Gebet ist der Ernstfall des Glaubens an die Liebe Gottes. Im Gebet übergeben wir uns bedingungslos an den unbegreiflichen Willen Gottes. Wir übereignen uns an die erlösende und befreiende Liebe Gottes. Im Gebet werden „die letzte Sinnhaftigkeit unserer Existenz und ihre Unbegreiflichkeit zugleich miteinander versöhnt.“[12] Das christliche Gebet ist nichts anderes als ein sich hineinnehmen Lassen in das Gebet Jesu zu seinem Vater. Es ist eine in seinem Geist geschenkte Teilnahme an der inneren Gesinnung Jesu. Jesus ist der größte Anbeter des Vaters in Geist und Wahrheit. Er ist Mittler, durch den allein unser Gebet durchdringen kann zum Thron der Gnade. Er lehrt uns zu beten, wie er gebetet hat. In inniger Verbundenheit mit ihm können wir um das beten, wofür er selbst gebetet hat: Dass dein Name geheiligt werde, dass dein Wille geschehe, dass dein Reich komme. Wenn wir so zuerst um Gottes Ehre beten, wird er uns hören, wenn wir für uns und unsere irdischen Sorgen beten.
Lob und Verherrlichung Gottes standen an erster Stelle bei der Ankündigung der frohen Botschaft der Geburt Christi durch den Engel: „Und plötzlich war bei dem Engel ein großes himmlisches Heer, das Gott lobte und sprach: Verherrlicht ist Gott in der Höhe und auf Erde ist Friede bei den Menschen seiner Gnade.“ (Lk 2,13f.) Indem wir mit unserem Leben Gott verherrlichen, entstehen in unserem Herzen tiefe Freude und tiefer Frieden. Wo Gott gelobt wird, herrscht der Friede Gottes unter den Menschen. Maria zeigt im Magnificat den Weg, wie die Kirche und jeder einzelne Christ zur Verherrlichung Gottes bewusst leben kann: „Meine Seele preist die Größe des Herrn und mein Geist jubelt über Gott meinen Retter.“ (Lk 1,46f.) Die Verlebendigung des Glaubens im Kontext der kirchlichen Erneuerung bedeutet hier, eine Gott-lobende und Gott-anbetende Gemeinschaft zu werden. „Ihr aber seid ein auserwähltes Geschlecht, eine königliche Priesterschaft, ein heiliger Stamm, ein Volk, das sein besonderes Eigentum wurde, damit ihr die großen Taten dessen verkündet, der euch aus der Finsternis in sein wunderbares Licht gerufen hat.“ (1 Petr 2,9)
3. Theozentrische Wende und Erneuerung der Kirche
Eine theozentrische Wende als Grundlage der Erneuerung der Kirche ist theologisch stimmig, entspricht der Logik des Christseins und der Berufung und Sendung der Kirche.[13] Sie ist sachlich und praktisch notwendig und Not-wendend für religiös orientierte und motivierte Menschen, die auf der Suche nach Gott sind. In unserem säkularen Zeitalter müssen Christsein und Kirchesein als gelebte Gottesbeziehung und Verankerung in Gott verstanden und zeugnishaft gelebt werden. Wie theozentrisch das Zweite Vatikanische Konzil gedacht hat, bringt Kardinal Kurt Koch, Bezug nehmend auf eine zentrale Aussage der außerordentlichen Bischofssynode 1985, sehr schön zum Ausdruck: „Dass die Konstitution über die Heilige Liturgie am Anfang stand, macht sichtbar, dass in der Kirche am Anfang die Anbetung und damit Gott steht. Dass sich die Kirche von ihrem Grundauftrag, Gott zu verherrlichen, herleitet, kommt in der Dogmatischen Konstitution über die Kirche zum Ausdruck. Die dritte Konstitution über die göttliche Offenbarung handelt vom lebendigen Wort Gottes, das die Kirche zusammenruft und sie zu jeder Zeit neu belebt. Wie die Kirche das von Gott empfangene Licht in die Welt hinein bringt und dadurch die Verherrlichung Gottes voranbringt, ist schließlich das Thema der Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute.“[14] Der Kirche, die Gott in das Zentrum stellt, wird eine Kraft zur stetigen Selbsterneuerung erfahren und ihr wird eine entsprechende Ausstrahlung und Anziehungskraft zu einem missionarischen Aufbruch zu Eigen sein.
Das Bekenntnis zu Gott ist die Kraftquelle des christlichen Lebens in der Nachfolge Christi. Uns an seinem Leben zu orientieren und nach Heiligkeit und Vollkommenheit zu streben, ist unsere Berufung als Christen. Wir müssen in unserem christlichen Leben eine Balance zwischen der Sehnsucht nach dem Himmlischen und der Verantwortung für das Irdische finden. Dabei geht es darum, eine evangeliumsgemäße Zuordnung von aktivem und kontemplativem Leben zu finden. Dies kann nur gelingen, wenn wir der Gottesliebe den Vorrang geben, um aus der Kraft der Gottesliebe den Weg der Nächstenliebe zu gehen.
Es geht im Grunde genommen um die Schaffung eines notwendigen spirituellen Klimas in der Kirche und um eine neue missionarische Geisteshaltung, damit das Unterscheidend-Christliche in der Kirche sichtbar und wahrnehmbar bleibt. Dies kann nur gelingen, wenn wir uns selbst aus der Fülle und Mitte des christlichen, ja, des katholischen Glaubens bewusst und selbstkritisch des Wesentlichen im Glauben vergewissern. Wenn wir die Einheit der Liebe zu Gott und zum Nächsten mit der nötigen Unterscheidung und Prioritätssetzung in Wort und Tat leben, wird die Kirche neue Ausstrahlung bekommen. So wird die Kirche missionarisch und einzelne Christen werden missionarische Jünger. Dazu ermutigt uns Papst Franziskus eindringlich in seinem Apostolischen Schreiben Evangelii Gaudium.[15]
Mit der Aufforderung zur theozentrischen Wende wollen wir uns als Christen selbst vergewissern: Unsere Berufung ist es, Gott-zentriert zu leben und Gott-zentriert zu handeln.[16] Nur eine Gott zugewandte Kirche kann eine dem Menschen zugewandte Kirche sein. Nur eine Kirche, die von Gott her kommt, kann zu den Menschen gehen und „Salz der Erde“ sein (vgl. Mt 5,13). Eine solche Kirche kann eine spirituelle Kraft entfalten und mithelfen, einen in der Divinität gegründeten Humanismus, die christliche Diakonie, zu praktizieren. Solch eine Kirche kann dem ganzheitlichen Heil der Menschen dienen und eine Kultur der Liebe und des Lebens entwickeln und entfalten.[17]
Wenn die Kirche die Proexistenz Jesu lebt, dann wird es gelingen, der Welt Gott zu geben: Wer Jesus sieht, sieht den Vater (vgl. Joh 14,9). In einem analogen Sinne muss die Bestrebung der Kirche immer sein: Wer die Kirche sieht, sieht Jesus. „Zeig uns Jesus“ ist der Aufschrei der Menschen, die wirklich Gott suchen. Die Kirche ist ihnen eine Antwort schuldig! Diese Antwort zu geben ist die besondere Verpflichtung der Amtsträger und Dienstnehmer der Kirche.
Damit richtet sich der Blick auf eine Spiritualität der Heiligkeit, die uns das Zweite Vatikanische Konzil eindringlich ans Herz legt: „Es ist Gegenstand des Glaubens, daß die Kirche, deren Geheimnis die Heilige Synode vorlegt, unzerstörbar heilig ist. Denn Christus, der Sohn Gottes, der mit dem Vater und dem Geist als ‚allein Heiliger‘ gepriesen wird, hat die Kirche als seine Braut geliebt und sich für sie hingegeben, um sie zu heiligen (vgl. Eph 5,25-26), er hat sie als seinen Leib mit sich verbunden und mit der Gabe des Heiligen Geistes reich beschenkt zur Ehre Gottes. Daher sind in der Kirche alle, mögen sie zur Hierarchie gehören oder von ihr geleitet werden, zur Heiligkeit berufen gemäß dem Apostelwort: “Das ist der Wille Gottes, eure Heiligung” (1 Thess 4,3; vgl. Eph 1,4). Diese Heiligkeit der Kirche tut sich aber in den Gnadenfrüchten, die der Heilige Geist in den Gläubigen hervorbringt, unaufhörlich kund und muß das tun. Sie drückt sich vielgestaltig in den Einzelnen aus, die in ihrer Lebensgestaltung zur Vollkommenheit der Liebe in der Erbauung anderer streben. In eigener Weise erscheint sie in der Übung der sogenannten evangelischen Räte. Diese von vielen Christen auf Antrieb des Heiligen Geistes privat oder in einer von der Kirche anerkannten Lebensform, einem Stand, übernommene Übung der Räte gibt in der Welt ein hervorragendes Zeugnis und Beispiel dieser Heiligkeit und muß es geben.“[18]
4. Wachstum in der Heiligkeit als Grundlage kirchlicher Erneuerung
Diese Berufung aller Gläubigen zur Heiligkeit bezeugt bereits das Apostolische Glaubensbekenntnis: „Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige katholische Kirche, die Gemeinschaft der Heiligen“. Heiligkeit ist das erste Attribut der Kirche und damit das Erkennungszeichen eines bekennenden Christen.[19] Das Attribut ‚heilig‘ wurde am Anfang des dritten Jahrhunderts dem römischen Taufsymbol beigefügt: „Glaubst du an den Heiligen Geist in der heiligen Kirche?“ Das Bekenntnis zur Heiligkeit der Kirche ist im Glauben eine Verheißung und eine bleibende Herausforderung zugleich. Es hat eine entscheidende Bedeutung in unserer Zeit, in der die Heiligkeit der Kirche aus unterschiedlichen Gründen in Frage gestellt wird. Es ist im höchsten Maße beachtenswert, dass diese älteste Wesensbeschreibung der Kirche mit dem Bekenntnis zum Heiligen Geist in einen engen Zusammenhang steht. Denn nur in der Kraft des Geistes können wir heilig sein und immer mehr in der Heiligkeit wachsen.
In welchem Sinne ist die Kirche ‚heilig‘? Heiligkeit erscheint in der Heiligen Schrift als Wesenseigenschaft Gottes. Nur Gott ist heilig (vgl. Jes 6,3). Heiligkeit bezeichnet Gottes Ganz-anders-Sein, sein Mysterium. Heiligkeit ist seine eigentliche Seinsweise. „Gott“ sagen bedeutet gleichviel, wie „heilig“ sagen. Gott ist die Fülle der Heiligkeit. Der Heilige, Gott, in seiner Liebe lässt uns teilhaben an seinem Leben (vgl. 2 Petr 1,4) und so an seiner Heiligkeit (Hebr 12,10). Nur aus der Teilhabe am Leben Gottes empfängt die Kirche ihre Heiligkeit. Nur in Beziehung auf Gottes Heiligkeit können wir von der Heiligkeit des Volkes Gottes und von der Heiligkeit der Kirche sprechen. Die Heiligkeit der Kirche ist eine lunare Heiligkeit: Die Kirche kann ausschließlich die empfangene Heiligkeit Gottes ausstrahlen.
Wir können die Eigenschaft ‚heilig‘ einer anderen Wirklichkeit nur in dem Maße zuweisen, als sie mit Gott in Verbindung steht, von ihm kommt, ihm gehört, gänzlich auf ihn bezogen ist. So kann das von Gott auserwählte Volk, das zu ihm gehören soll, als heilig bezeichnet werden. Es ist „ein heiliges Volk“, weil es von Gott und auf Gott hin konstituiert ist. Im biblischen Verständnis ist ‚heilig‘ im Allgemeinen auch alles, was in Beziehung zur Verehrung Gottes steht. Darum wird die Heiligkeit des Volkes dort intensiver erkennbar, wo es zusammengerufen und vereint ist in einer „heiligen Versammlung“ (vgl. Ex 12,16; Lev 23,2f.). Gottes Verehrung ist Sinn und Zweck der Versammlung des Volkes Gottes. Deshalb wird die Heiligkeit des Volkes Gottes in der Verehrung des heiligen Gottes deutlich zum Vorschein kommen.
Die Berufung Israels zur Heiligkeit wird im Neuen Testament universal erweitert; die Kirche ist die „große Schar aus allen Nationen und Stämmen, Völkern und Sprachen“ (Offb 7,9). Sie soll das Evangelium Jesu Christi priesterlich verwalten und selbst eine Opfergabe werden, die Gott gefällt, geheiligt im Heiligen Geist (vgl. Röm 15,16). Wir können von der Heiligkeit der Kirche nur sprechen, insofern sie zu Christus und dem Heiligen Geist in Beziehung steht. Heilig ist sie, weil sie durch Gottes Geist geheiligt ist und der Heilige Geist in ihr wohnt. So wird die Kirche zum Tempel des Heiligen Geistes.
Das Bekenntnis zur Heiligkeit der Kirche nimmt die alttestamentlichen Verheißungen auf, dass Gott mit seinem Volk ist und unter ihm wohnt (vgl. Lev 26,11f.; 2 Kor 6,16–18). Diese wird noch intensiver in den Abschiedsreden Jesu innerhalb des Evangeliums verdeutlicht: „Wenn jemand mich liebt, wird er mein Wort halten; mein Vater wird ihn lieben und wir werden zu ihm kommen und bei ihm Wohnung nehmen“ (Joh 14,23). Der Erste Johannesbrief spricht von der Gemeinschaft, die wir mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus haben (1 Joh 1,3). Diese Gemeinschaft mit Gott durch die geschenkte Teilhabe an seinem Leben, das Mitsein des Sohnes bis zum Ende der Welt (vgl. Mt 28,20) und die Gegenwart des Geistes Gottes in den Gläubigen macht die Kirche zu dem, was sie ist: heilig. Da Christus im Heiligen Geist in der Kirche fortlebt, kann die Kirche niemals aufhören, die „heilige Kirche Jesu Christi“ zu sein. Diese von Gott her gegebene innere Verfasstheit der Kirche ist konstitutiv dafür, dass das Heilswerk Christi, die siegreiche Gnade Gottes, in den Grundvollzügen der Kirche durch die Zeiten Gegenwart bleibt. Wir können so von einer „strukturellen Heiligkeit“ der Kirche sprechen, weil die Kirche niemals von der inneren Verbindung zu Christus losgelöst werden kann. Nur insofern die Kirche von Gott ist, ist sie heilig. Nur insofern Jesus Christus sich in seiner Treue unauflöslich mit ihr verbunden hat, ist sie heilig. An die heilige Kirche zu glauben bedeutet, an den Heiligen Geist zu glauben, der die Kirche heiligt, eint, katholisiert und apostolisiert.[20]
Man könnte hier von der „objektiven“ Heiligkeit der Kirche sprechen, wenn der Begriff nicht die Vorstellung nahelegte, „es gehe bei der Heiligkeit um eine ‚Sache‘, die uns zwar geschenkt wird, die wir dann aber ‚haben‘. Von der bis in die letzten Tiefen der Existenz reichenden Betroffenheit von der Heiligkeit Gottes, von seiner Gegenwart, von der Teilhabe an ihm, von der Freude eschatologischer Hoffnung, aber auch seinem Gerichtscharakter über alle Unreinheit und Sünde lässt dieser Begriff nichts spüren. Wir müssen diese Versachlichung überwinden und den tieferen personalen Sinn entdecken, um Freude am Glauben und an der Kirche zurückzugewinnen“[21].
Die vorgegebene Heiligkeit der Kirche ist also eine göttliche Gabe, die für uns als Gemeinschaft der Gläubigen zur Aufgabe wird. Wir müssen diese Gabe persönlich annehmen und in unserem Leben verwirklichen. Alle Getauften sind berufen, durch ein heiligmäßiges Leben der von Gott geschenkten Heiligkeit zu entsprechen: „Seid heilig, denn ich, euer Gott, bin heilig“ (Lev 11,44f.; vgl. 1 Petr 1,16). Die uns zugewandte Seite der Heiligkeit Gottes ist seine Barmherzigkeit: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist“ (Lk 6,36). Barmherzigkeit ist die Quelle aller Heiligkeit. Wenn wir von der Barmherzigkeit umfangen sind, wachsen wir in die Heiligkeit des Lebens hinein. Die Heiligkeit Gottes und sein Heilshandeln werden zu einem Imperativ für alle getauften Christen. Sie sind berufen, in und durch ihr ganzes Leben selbst eine heilige, gottgefällige Opfergabe zu sein. Das ganze Leben der Christen ist Gottesdienst (vgl. Röm 12,1; 15,16).
Die Kirche ist berufen, ein heiliges Volk vor Gott zu sein. Diese Berufung ist ein bleibender Auftrag zur spirituellen Erneuerung und zum geistlichen Wachstum. Diese Erneuerung umfasst nicht nur Teilaspekte des christlichen Lebens, sondern das Ganze. Es gilt, die Universalität der Berufung zur Heiligkeit immer mehr zu entdecken und das christliche Leben unter das Zeichen der Heiligkeit zu stellen und die Notwendigkeit der Heiligung der eigenen Existenz zu einer allgemeinen Überzeugung werden zu lassen. Eine „Pädagogik der Heiligkeit“ ist für das kirchliche Leben unverzichtbar. Die Aufgabe dieser „Pädagogik der Heiligkeit“ besteht darin, alle zu lehren und immer wieder daran zu erinnern, dass Heiligkeit das Ziel ihrer Existenz bildet. Das Bewusstsein der Universalität der Berufung zur Heiligkeit erfordert ein Verständnis der christlichen Existenz als Nachfolge Christi, als spirituellem Weg zur Gleichgestaltung mit Christus. Es geht dabei nicht um ein religiöses oder moralisches „Höchstleistungsprogramm“, nicht um die äußerliche Übernahme ethischer und religiöser Verhaltensformen, sondern vielmehr darum, sich persönlich in das Ereignis der Gnade Christi einbinden zu lassen und dieser Gnade Raum zu geben, in uns verwandelnd wirksam zu werden.
Die Kirche ist communio sanctorum, Gemeinschaft der Heiligen, nicht nur Organisation, Institution oder Zusammenschluss von Menschen gleichen Glaubens oder gleicher Gesinnung. Wäre die Kirche nur ein humanitärer Global Player, statt Ort der Gegenwart Gottes und des Heiles in Jesus Christus zu sein, würde sie auf die sogenannte ‚Glaubwürdigkeit‘ ihres Personals und dessen Handelns angewiesen sein. Als ‚Sozialchristentum‘ oder ‚Kulturchristentum‘ würde die Kirche an ihrer (realen!) menschlichen Begrenztheit früher oder später scheitern, denn alle Menschen sind bleibend erlösungsbedürftig. Aber die Heiligkeit der Kirche ist nicht die Summe der Heiligkeit ihrer jeweiligen Mitglieder in einer gegebenen Zeit, sondern ihre Vor-Gabe, die geschenkte Teilhabe an der Heiligkeit Gottes und die Präsenz der Heilsfülle Christi. Die Heiligkeit Gottes auszustrahlen ist die Berufung der Kirche, und diese Ausstrahlung macht ihre Schönheit aus.
In der sichtbaren Gestalt der Kirche muss das Ganze des Heils in Jesus Christus, auch wenn es nur in vorläufiger Gestalt ist, sichtbar und erkennbar bleiben. Je deutlicher die göttliche Würde der Kirche als von Gott kommendes Gnadengeschenk erkennbar ist, umso schmerzlicher wird die Diskrepanz zwischen der geistlichen Realität der Kirche und ihrem tatsächlichen Erscheinungsbild wahrgenommen. Neben den Sünden und Unvollkommenheiten ihrer Mitglieder gibt es in der Kirche auch immer wieder Fehlentwicklungen, Akzentverschiebungen und Defizite in der Verwirklichung des Evangeliums. Wenn wir deshalb von der Heiligkeit der Kirche sprechen, können wir über die Fehler und Schwächen der Menschen, die durch ihr amtliches Handeln der Kirche nach außen ein Gesicht geben, nicht schweigen. Wenn wir die Heiligkeit der Kirche jedoch auf den moralischen Anspruch an ihre Amtsträger und Mitglieder reduzieren, dann meinte Heiligkeit nicht mehr als Menschenwerk und Kirche erschiene als eine Agentur für Moral.
Aber die Kirche ist keine menschliche Vereinigung, die auf die moralische Überlegenheit ihrer Mitglieder gebaut wäre, sondern Werk des Heiligen Geistes, durch das er das Heilswerk Christi universal präsent macht (vgl. Apg 1,8; Joh 16,5.7). Kirche ist heilig als Ort des Heils, als Ort der Gegenwart Gottes durch das Wirken des Heiligen Geistes. Jesus Christus hat sich mit der Kirche unlösbar verbunden. Er ist das Haupt seines Leibes. Der Leib aber ist nicht mit dem Haupt identisch und das Haupt nicht mit dem Leib. Trotz vieler Makeln und Runzeln im Gesicht der Kirche, wie es die Kirchenväter zu sagen pflegten, können wir die Kirche nicht von Christus trennen, denn Christus selbst hat sich mit ihr ein für alle Mal verbunden. Augustinus stellt diese innere Verbundenheit von Christus mit der Kirche eindrucksvoll dar, wenn er von Christus zusammen mit der Kirche als dem totus Christus, dem „ganzen Christus“, spricht. Nur im inneren Zusammenhang der bleibenden Gegenwart der Lebenshingabe Jesu in der Kirche können wir die Heiligkeit der Kirche als ihre Wesensbeschreibung bekennen. Die Kirche ist trotz aller Mängel und Sünden ihrer Gläubigen im jeweiligen Raum und Zeit Sakrament des Heiles. Ihre Heiligkeit empfängt sie von ihrem Haupt, Christus, und sie ist heilig, damit seine Heilsfülle in ihr und durch sie sichtbar wird.
Deshalb ist die ständige geistliche Erneuerung der Gläubigen und dadurch der Kirche eine unverzichtbare Voraussetzung für das Gelingen der Evangelisierung und Erneuerung. Nur wenn hinter allem Menschlichen das Göttliche an der Kirche immer wieder ausstrahlt, werden alle Getauften die Sehnsucht nach einer tiefen Kirchengemeinschaft spüren. Die Kirche muss von innen ständig evangelisiert werden, damit die wahre Heiligkeit deutlicher zum Ausdruck kommt. Die Glaubwürdigkeit der Kirche und der kirchlichen Gemeinschaften hängt davon ab, ob es ihnen gelingt, ihren spirituellen Auftrag deutlich erkennbar zu machen. Die Grundvoraussetzung dafür ist, dass jeder Christ persönlich in seinem Leben und Dienst diesen spirituellen Auftrag verwirklicht.
Die Kirche hat eine Sendung, aber sie kann ihre Sendung nur erfüllen, wenn sie lebt, was sie ist: die eine heilige Kirche Jesu Christi. Die einzelnen Christen und die christlichen Kirchen und Gemeinschaften sollten einen geistlichen Wettbewerb eingehen, um mehr und mehr geistlich zu leben, sich einander im Wachstum in der Heiligkeit zu übertreffen und so die Heiligkeit der Kirche gemeinsam sichtbar zu machen. Nur im Vertrauen auf Christi Verheißung und nur in einer inneren Verbindung mit ihm kann die Kirche das sein, wofür sie in die Welt gesendet ist, „denn getrennt von mir könnt ihr nichts vollbringen“ (Joh 15,5). Jedem Christen gilt die Aufforderung des Herrn, das Gute so zu tun, dass die Menschen nicht uns, sondern den Vater im Himmel preisen. Unsere Heiligkeit soll vor den Menschen leuchten, damit sie unseren Vater im Himmel preisen (vgl. Mt 5,16).
5. Hl. Vinzenz Pallotti – Vordenker einer Gott-zentrierten Kirche
Indem die Kirche in einer vollzogenen theozentrischen Wende auf Christus schaut und sein Evangelium ernstnimmt, kann sie mutig mit ihm in der Kraft des Heiligen Geistes die Freude an Gott und den Wohlgeruch des Evangeliums verbreiten. Sie ist dabei nie allein, sondern umgeben von einer „Wolke von Zeugen“ (Hebr 12,1), deren Worte und Wirken das kirchliche Leben inspirieren. Die wahren Erneuerer der Kirche waren stets heilige Männer und heilige Frauen Gottes. Zu denken ist hier unter anderem an Franziskus von Assisi, Hildegard von Bingen, Karl Boromäus, Teresa von Avila oder John Henry Newman. Für mich als Priester in der Gesellschaft des katholischen Apostolates gehört in diesen Kreis auch der Gründungsheilige unseres Ordens, der Heilige Vinzenz Pallotti (1795-1850). Daher fällt beim Überdenken der Aufgabe der Erneuerung der Kirche durch Evangelisierung mein Blick nicht zuletzt auch auf ihn. Der Lebenssinn Vinzenz Pallottis „bestand darin, den Glauben zu beleben und die Liebe neu zu entzünden. Seine apostolischen Tätigkeiten stammen aus einer tiefen Gottesbeziehung, und die Sendung seines Lebens war nichts anderes als gelebte Gottes- und Nächstenliebe.“[22]
Existentiell für das Leben Pallottis und die Verwirklichung seiner Ideen war und ist die Sehnsucht nach Gott. Gott stand im Mittelpunkt seines Lebens. Er war überzeugt, dass eine radikale Hinwendung zu Gott und der Gottesfrage notwendig seien. Wenn Gott, die unendliche Liebe, in die Mitte unseres Lebens gestellt wird, werden wir auch die Notwendigkeit spüren, eine gelebte Antwort auf diese Liebe zu geben. Das gläubige Vertrauen, dass der unendlich liebende und barmherzige Gott den Menschen als ein Abbild geschaffen und erlöst hat, beschreibt die unüberbietbare Würde der Menschen; sie bindet alle Menschen aneinander zu einer Solidargemeinschaft, über alle Unterschiede hinweg und unabhängig von Neigung und Absicht. Die Teilhabe am Leben Gottes und die dadurch entstehende gemeinsame Gottähnlichkeit ist die Grundlage aller Berufungen. Es geht gerade darum, Gott als die unendliche Liebe zu entdecken. Pallotti war von Gott ergriffen und lebte von der persönlichen Erfahrung, sich von Gott in Jesus Christus bedingungslos sowie grenzenlos geliebt zu wissen.
Gedrängt von der Erfahrung der unendlichen Liebe Gottes wollte Pallotti alle suchenden Menschen an dieser Erfahrung teilhaben lassen. Nicht grundlos wählt Pallotti sein wegweisendes Motto aus dem Zweiten Brief an die Gemeinde in Korinth: „Die Liebe Christi drängt uns“ (2 Kor 5,14). So wie Christus in seinem Leben Gott vollkommen verherrlicht hat zum Heil der Menschen sollen auch wir in der Nachfolge Christi Gott verherrlichen: „Ad infinitum Dei gloriam“ – „Zur unendlichen Ehre Gottes“.
Der Fokus auf Christus führt direkt zum Wesen der Kirche, in und durch welche Christus gefunden werden kann. Pallotti hatte das Bild der Urkirche der Apostelgeschichte immer vor Augen. So wie nach Christi Himmelfahrt die Jünger, die Frauen und Maria im Obergemach (Zönakulum) im Gebet verharrten (vgl. Apg 1,12–14; 2,43–47), so soll auch die Kirche in jeder Zeit im Gebet mit Gott verbunden sein, um ebenfalls die Kraft des Pfingstereignisses ständig zu empfangen. Aus dieser göttlichen Kraft kann eine Verlebendigung des Glaubens entstehen. Entscheidend ist, dass wir bereit sind, von und für Gott Zeugnis zu geben. Um die Botschaft der Kirche durch Wort und Tat zu bezeugen und zu verkünden, braucht es zuerst und vor allem die Sehnsucht nach Gott. Aus dieser entspringt dann eine tiefe christliche Bildung, die genährt und unterhalten wird von der ständigen Verbindung mit Christus im Gebet, in der Feier der Liturgie – vor allem durch die aktive Teilnahme an der Eucharistie –, im geschwisterlichen Leben, in der Praxis der Nächstenliebe und in der theologisch-spirituellen Reflexion. So können wir wie Vinzenz Pallotti glaubwürdige Zeugen des lebendigen Glaubens werden und aus der unendlichen Liebe heraus Apostel dieser Liebe sein.
Was Pallotti vorgelebt hat, ist nicht nur für die Vereinigung des Katholischen Apostolates ein Vorbild, sondern für die gesamte Kirche. Dort, wo die Kirche aus der Communio Gottes heraus lebt, wird Gemeinschaft unter den Gläubigen erfahrbar. Deshalb kann nur eine Kirche, die Gott zutiefst zugewandt ist, eine Kirche sein, die auch den Menschen innerlichst zugewandt ist. So ist die Kirche als Gemeinschaft sowie jeder einzelne Christ dazu berufen, die Einladung Gottes zur Gemeinschaft und Freundschaft mit ihm stets neu anzunehmen und diese allen Menschen immer wieder neu auszusprechen. Es ist unsere Berufung Menschen in diese Sehnsucht-stillende Gottesbeziehung zu führen und sie entsprechend zu begleiten. Das ist wahre Erneuerung der Kirche im Geiste des Evangeliums Jesus Christi.
[1] Das bekannte Zitat Augustinus kann gleichwohl auch übersetzt werden mit: „Der Mensch ist die Sehnsucht Gottes“, womit die Sehnsuchtsperspektive Gottes eingenommen wird.
[2] W. Kasper, Jesus Christus – das Heil der Welt (WKGS 9), Freiburg i. Br. 2016, 133.
[3] Ebd., 134.
[4] Vgl. dazu: W. Kasper, Es ist Zeit, von Gott zu reden, in: ders., Gott der Schöpfer und Vollender (WKGS 8), Freiburg i. Br. 2017, 156-174.
[5] Zum Folgenden vgl. G. Augustin, Plädoyer für eine theozentrische Wende im säkularen Zeitalter, in: ders./C. Schaller/S. Sledziewski (Hg.), Der dreifaltige Gott. Christlicher Glaube im säkularen Zeitalter, Freiburg i. Br. 2017, 33-52, hier: 42-49.
[6] W. Pannenberg, Grundfragen systematischer Theologie, Bd. I, 71
[7] Thomas von Aquin, S.th. I q. 60 a 5.
[8] KKK 2047.
[9] Meister Eckhart, Deutsche Predigten und Traktate, hg. und übersetzt von J. Quint, München 51978, 224–228. Zu einer ausführlichen Darstellung über die „Nutzlosigkeit“ Gottes vgl. J. Werbick, Gott verbindlich. Eine theologische Gotteslehre, Freiburg i. Br. 2007, 53–58.
[10] Vgl. J. Ratzinger, Jesus von Nazareth (JRGS 6/1), Freiburg i. Br. 2013, 145.
[11] W. Kasper, Gott der Schöpfer und Vollender (WKGS 8), Freiburg i. Br. 2017, 27.
[12] Vgl. K. Lehmann/A. Raffelt, Karl Rahner Lesebuch, Freiburg i. Br. 2013, 359.
[13] Zum Folgenden vgl. G. Augustin, Plädoyer für eine theozentrische Wende im säkularen Zeitalter, in: ders./C. Schaller/S. Sledziewski (Hg.), Der dreifaltige Gott. Christlicher Glaube im säkularen Zeitalter, Freiburg i. Br. 2017, 33-52, hier: 49-52.
[14] K. Koch, Die Gottesfrage in Gesellschaft und Kirche, in: G. Augustin (Hg.), Die Gottesfrage heute (ThIDia 1), Freiburg i. Br. 2009, 32–57.
[15] Vgl. ausführlich dazu G. Augustin, Aufbruch in der Kirche mit Papst Franziskus. Ermutigungen aus dem Apostolischen Schreiben „Die Freude des Evangeliums“, Stuttgart 2015.
[16] G. Augustin, Gott zuerst. Ein Gespräch über die Zukunft des Glaubens, Ostfildern 22022.
[17] Vgl. W. Kasper, Es ist Zeit, von Gott zu reden, in: ders., Gott der Schöpfer und Vollender (WKGS 8), Freiburg i. Br. 2017, 156-174.
[18] LG 39.
[19] Zum Folgenden vgl. ausführlich: G. Augustin, Die Seele der Ökumene. Einheit der Christen als geistlicher Prozess, Ostfildern 2017, 155-166; W. Kasper, Katholische Kirche (WKGS 13), Freiburg i.Br. 2022, 238ff.; Y. Congar, Heilige Kirche, in: MySal IV/1, 458-477.
[20] Y. Congar, Heilige Kirche, 467.
[21] W. Kasper, Die Katholische Kirche, 243.
[22] G. Augustin, Ich bin eine Mission. Schritte der Evangelisierung, Ostfildern 2018, 161. Zum Folgenden vgl. ebd., 161-178.