George Augustin
Ökumene als geistlicher Prozess der Glaubensverlebendigung
„Alle sollen eins sein: Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast. Und ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast, damit sie eins sind, wie wir eins sind, ich in ihnen und du in mir. So sollen sie vollendet sein in der Einheit, damit die Welt erkennt, dass du mich gesandt hast und sie ebenso geliebt hast, wie du mich geliebt hast“ (Joh 17,21ff.). Dieses Gebet Jesu, dass er uns, die ihm nachfolgen, als Selbstzeugnis und Vermächtnis hinterlassen hat, offenbart uns seine Identität und sein inniges Verhältnis zum Vater. Es beschreibt wie er die Herrlichkeit des Vaters offenbart und uns in die Einheit mit seinem Vater hineinnimmt. Wie der Vater seinen Sohn in die Welt sendet, sendet er auch uns in die Welt, um seine Sendung fortzusetzen.
In seiner Nachfolge sollen wir eins sein, damit die Welt erkennt, dass der Vater den Sohn für das Heil der Welt gesandt hat. Durch die gelebte Einheit soll die Beziehung zwischen Vater und Sohn in der Welt bekannt werden und seine Liebe zum Heil der Welt erfahrbar werden. In diesem Gebet Jesu kommen nicht nur das Anliegen, sondern auch der Grund, der Weg und das Ziel der Einheit derjenigen, die an ihn glauben, deutlich zum Ausdruck. Jesus nimmt uns alle, die ihm nachfolgen, in diese Gebetsströmung hinein und befähigt uns, an der trinitarischen Einheit teilzuhaben. Da das Anliegen der Einheit seiner Nachfolger in der Verwirklichung seiner Sendung begründet ist, sollte das Gelingen der allumfassenden Einheit eine Herzensangelegenheit aller Christen sein.
- Bausteine einer geistlichen Ökumene
Wenn die Ökumene heute wieder eine neue Dynamik entwickeln soll, dann muss sie aus der Fülle und Mitte des christlichen Glaubens inhaltlich und spirituell neu bestimmt werden.[1] Wir brauchen heute einen neuen spirituellen „Weckruf der Ökumene“[2], der die Einheit der Christen in einer Art und Weise voranbringt, die der Berufung und der Sendung der Christen entspricht. Die Erfahrung zeigt, dass der ökumenische Prozess sich nicht weiterentwickeln wird, wenn er allein auf theologisch-wissenschaftliche Bemühungen beschränken bleibt. Ökumene muss aus der Mitte des Christlichen kommen und von der Lebens- und Glaubenspraxis der Christen als Ganzes getragen werden.[3] Gemeinsames geistliches Leben ist für die Christenheit auf ihrem Weg zur Einheit konstitutiv.[4] Wenn Ökumene ihre eigenen Anliegen bis in die Herzen der Menschen und die Bewegungen des Lebens transportieren will, braucht sie eine spirituelle Neuorientierung und einen klaren, aus der Mitte der christlichen Botschaft inspirierten Perspektivwechsel sowie eine Horizonterweiterung.
Bevor die Einheit der christlichen Konfessionen eine sichtbare Wirklichkeit wird, müssen die Christen zuerst des Fundaments und des Ziels der Einheit erneut ansichtig werden. Dieses Fundament kann nur religiös und zugleich geistlich sein. Die sichtbare Einheit der Kirche ist nur eine Konkretisierung und Manifestierung der Einheit im Geist des Glaubens und der Sendung des Volkes Gottes. Die Ökumene kann nicht auf die Ebene des bloßen Gesprächs, des Argumentierens und des Problematisierens oder auf Diplomatie und menschliches Wohlwollen verkürzt werden. Sie muss aus der spirituellen Kraft der lebendigen Verkündigung und der Bezeugung des Evangeliums aus dem Leben hervorgehen. Sie muss im lebendigen und gelebten Glauben aufblühen.
Deshalb ist es unverzichtbar, dass sich die Christen aller Konfessionen zunächst ihres Auftrags und ihrer Sendung als Christen sowie ihrer Berufung zum Christsein neu gewiss werden. Die erhoffte und gewünschte Kirchengemeinschaft erwächst aus einem geistlichen Konsens, einer Einheit des Geistes und Glaubens (vgl. Eph 4,3–6). Die Grundvoraussetzung der Einheit der Kirche ist begründet in ihrer Berufung, Zeichen und Werkzeug des Reichs Gottes in der Welt zu sein. Die Reich-Gottes-Botschaft Jesu bringt die fundamentale schöpfungsmäßige Wirklichkeit zum Ausdruck, dass es nur einen Gott gibt und eine einzige Menschheit. Diese fundamentale Einheit geht allen Unterschieden und aller legitimen Vielfalt voraus. Der eine Gott ist der Schöpfer aller Menschen. Alle Menschen sind Geschöpfe des einen Gottes. Der Schöpfer aller Menschen ist nach dem christlichen Glauben der himmlische Vater. Weil wir nur einen Vater haben sind wir alle Kinder Gottes und deshalb Brüder und Schwestern.
Die geschichtliche Erfahrung der Menschheit zeigt, wie schwierig es ist, diese Tatsache existenziell anzuerkennen und diese Grundwahrheit des Menschseins wirklich zu leben. Die erstrebte Einheit der Kirche ist nichts Anderes als die in der Schöpfung schon begründete Einheit der Menschheit, die die Kirche gnadenhaft und zeichenhaft zu leben berufen ist. Dies kann nur als spiritueller Prozess gelingen. Eine solche spirituelle Perspektive ermöglicht es uns, vorurteilsfrei das uns Verbindende zu suchen und es Gestalt werden zu lassen: Verbindet uns nicht doch das Evangelium Jesu Christi, unsere Berufung und unser gemeinsamer Sendungsauftrag als Christen, das Glaubensbekenntnis, die Berufung zu Barmherzigkeit und Heiligkeit des Lebens und nicht zuletzt unsere gemeinsame Hoffnung auf das ewige Leben. Das sakramentale Band der Taufe vereinigt uns und schenkt uns eine geistig-geistliche Verwandtschaft zu Christus und in ihm zu unseren Mitmenschen. Es gilt, diese tiefe Verwandtschaft anzuerkennen und mit Leben zu füllen.
Aus diesem Grund müssen wir die Ökumene als einen alle Dimensionen des christlichen Lebens umfassenden geistlichen Prozess verstehen: „Weil der Ökumenismus mit all seinen menschlichen und moralischen Anforderungen so tief im geheimnisvollen Wirken der Vorsehung des Vaters durch den Sohn und im Heiligen Geist verwurzelt ist, reicht er bis in die Tiefen christlicher Spiritualität.“[5] Das bedeutet, die Wahrheit des Glaubens existenziell zu durchdringen und sich das Wesen und die Wahrheit der christlichen Botschaft kognitiv-mystagogisch so anzueignen, dass sie das ganze Leben prägt und verwandelt. Das gemeinsame Glaubensbekenntnis, das alle Christen beten, muss eine erfahrbare existenzielle Wirklichkeit für das Leben und die christliche Praxis werden. Dieses Bekenntnis ist selbstverständlich eine bleibende Aufgabe, auf deren Erfüllung wir bekennend hoffen.
Eine Einheit in legitimer Vielfalt der Glaubenstraditionen und -zugänge zu verwirklichen ist vor allem eine vom Heiligen Geist gewirkte spirituelle Aufgabe. Nur der Geist Gottes kann die nötige Kraft verleihen, die Unterschiede miteinander zu versöhnen. Die Vision einer in Gott begründeten Einheit, die Jesus in seinem hohepriesterlichen Gebet zum Ausdruck bringt, ist eine eschatologische Wirklichkeit, die in der Gegenwart des Heiligen Geistes schon jetzt erfahrbar ist. Das „schon“ und „noch nicht“ des in der Botschaft vom Reich Gottes begründeten Glaubens ist besonders in Fragen der Ökumene entscheidend. Die Ökumene kann nur erfolgreich sein, wenn wir nach einer aus der Mitte des christlichen Glaubens kommenden und theologisch reflektierten zeitgemäßen Gestalt des Evangeliums und der Kirche suchen, die sich eher an der gegenwärtigen ökumenischen Notwendigkeit und der heutigen Weltsituation orientiert, statt an den überkommenen Bekenntniskategorien und Trennungsgründen der Vergangenheit. Wir brauchen eine große spirituelle Kraft, um einen Teil der eigenen Geschichte und der Enge der eigenen konfessionell begrenzenden Identität preiszugeben und eine größere und umfassendere gemeinsame christliche Identität zu erlangen.
Die Ökumene als geistlicher Prozess verlangt von jedem eine geistig-geistliche Weite des Herzens und eine innere spirituelle Kraft, nicht nur einzelne Brüder und Schwestern in anderen Kirchen, sondern ganze Konfessionen als solche zu achten, zu respektieren und zu lieben, ohne dabei das eigene Selbstverständnis vorschnell aufzugeben. Dies ist selbstverständlich der schwierigere und unbequemere, aber langfristig fruchtbringende Weg. Denn echte Treue zum Herrn und seiner Kirche und Öffnung für die verschiedenen Herausforderungen der Wirklichkeit der anderen schließen sich nicht gegenseitig aus. In dem Maße, in dem wir in Gemeinschaft mit Christus leben, in seiner Liebe bleiben, die uns alle annimmt und reinigt, in dem Maße, in dem wir an der Gemeinschaft Christi teilhaben, können auch wir in Treue zum Evangelium und zum eigenen Glaubensweg offen für andere Glaubenswege sein. Verbindet uns nicht alle die geistliche Suche nach der allesübersteigenden Wahrheit des christlichen Glaubens in seiner Tiefe und Fülle?
- Theozentrische Wende
In unserem gemeinsamen Glaubensbekenntnis steht an erster Stelle das Bekenntnis zu dem einen Gott, der der Schöpfer aller Menschen ist. In diesem Bekenntnis ist uns eine großartige Vision der Einheit gegeben. Wenn Gott in der Ökumene im Mittelpunkt steht, befinden wir uns auf einem sicheren geistlichen Weg. Es geht darum, alle unsere ökumenischen Bemühungen auf Gott hin neu zu fokussieren und den ganzen Prozess der Ökumene als einen Weg der tieferen Gotteserkenntnis und Gottesbeziehung zu verstehen. Es soll darum gehen, den einen Heilsplan Gottes für die ganze Menschheit tiefer zu erfassen und daraus Perspektiven für unser Handeln zu entfalten.
Was wir heute brauchen, ist eine Gottzentriertheit, eine theozentrische Wende im Denken und Leben der Kirchen und der kirchlichen Gemeinschaften. Wenn wir gemeinsam auf Gott blicken, haben wir die Kraft, die Lebenswirklichkeit der Menschen und all das, was zum Menschsein des Menschen gehört, aus einer neuen Perspektive wahrzunehmen. Alle ökumenischen Bewegungen müssen von einer Gottzentriertheit ausgehen und mehr und mehr zu ihm hinführen. Denn die eigentliche Berufung der Christen und der Kirche ist es, Zeugen für Gott in der Welt zu sein. Da dieses Zeugnis durch die Trennung der Christen verdunkelt wird, ist es das bleibende Ziel der Ökumene, gemeinsam „überzeugende“ Zeugen Gottes zu sein. Was wir brauchen, ist ein neuer Aufbruch zu Gott. Wenn wir auf diesem geistlichen Weg sind, werden wir unsere gemeinsame Berufung, missionarische Jünger Jesu zu sein, noch tiefer entdecken. Wenn wir Gott in den Mittelpunkt stellen, haben wir alle eine gemeinsame Blickrichtung, an der sich die einzelnen Christen und die Kirche als Gemeinschaft orientieren können. Geistliche Ökumene beinhaltet vor allem eine Gottzentriertheit, die allumfassend ist und alle Fragen des christlichen Lebens, des Kircheseins der Kirche und der Kirchengemeinschaft prägt und mitbestimmt.
Die notwendige theozentrische Wende in der Ökumene wird für uns konkret und real in einer gelebten Christozentrik.[6] Jesus Christus steht im Zentrum des christlichen Glaubens und das Bekenntnis zu ihm macht uns zu dem, was wir sind: Christen. In Christus erkennen wir, wer Gott ist. Nur in Christus und durch Christus wird Gott konkret erfahrbar. In ihm und durch ihn wird Gott Immanuel, der Gott mit uns. Christus erfahren heißt Gott erfahren. Die Konkretisierung der Gotteserfahrung und die Gottesbegegnung in Christus sind nur möglich, wenn wir bereit sind, die wahre Gestalt Jesu Christi zu entdecken. Christus tiefer zu erkennen ist das zentrale Thema einer geistlichen Ökumene. Durch die Erkenntnis Christi werden wir neue Menschen. In ihm leben wir in einer neuen Art im Bewusstsein der in ihm gegebenen Einheit aller, die ihm nachfolgen und in ihm und durch ihn Brüder und Schwestern geworden sind.
Die Kirche, ihre strukturelle Einheit und ihre Ämter sind heute leider das beherrschende Thema der Ökumene. Zweifellos sind sie wichtig. Wir werden in diesen Fragen aber nur dann weiterkommen, wenn wir das Fundament sichern, auf dem das Haus der Kirche tatsächlich aufgebaut ist. Offenkundig wackelt das ganze Gebäude. Das Fundament, mit dem alles steht und fällt, heißt: Jesus Christus. „Einen anderen Grund kann niemand legen, als den, der gelegt ist: Jesus Christus.“ (1 Kor 3,11). Die Heilige Schrift ist deutlich in ihrer Klarheit: Er ist der Eckstein (Mt 21,42; 1 Petr 2,6f.). Jesus Christus ist das gemeinsame Fundament der Kirche. Kirche ist Kirche Jesu Christi. Die christologischen Dogmen verbinden die Kirchen in Ost und West. Wenn wir die Ökumene nicht auf Sand, sondern auf festem Felsengrund aufbauen und dem Ziel der Einheit aller Christen näherkommen wollen, dann müssen wir unseren Blick zuerst auf ihn und das in ihm geschenkte Heil richten, das zu verkünden die Kirche berufen ist. Die Sendung der Kirche ist der Grund und das Ziel der Ökumene.
Damit kommen wir nun zu der entscheidenden Fragestellung der ökumenischen Vision einer sichtbaren Kirchengemeinschaft. Das größte Hindernis und die größte Herausforderung auf dem Weg zur sichtbaren Kirchengemeinschaft ist das unterschiedliche Verständnis über das Kirchesein der Kirche. Damit stehen unterschiedliche Konzepte einer möglichen Kirchengemeinschaft unvermittelt und unversöhnt nebeneinander. Deshalb müssen wir uns auf das gemeinsame Erbe der Kirche und kirchlichen Gemeinschaften vor ihren Trennungen besinnen, um eine gemeinsame Basis der Verständigung für die Einheit zu finden. Dieses Fundament bietet ein vertieftes Verständnis der Eucharistie, die das kirchliche Leben grundlegend bestimmt. Denn Eucharistie ist der Kristallisationspunkt, der zentrale Ort der Vermittlung zwischen Gott und Menschen, Christus und seinem Heilswerk, Christus und der Kirche, ihrem Ursprung und ihrem Wachstumsort. Die Voraussetzung einer Eucharistiegemeinschaft ist eine Kirchengemeinschaft, die als Fülle der Kirche Jesu Christi gelebt wird.
Ökumene als geistlichen Prozess zu verstehen bedeutet, die Gläubigen aller Konfessionen sollten sich der in Christus begründeten Einheit immer tiefer bewusst werden, so dass sie für alle eine spirituelle Grundhaltung wird. „An Christus glauben heißt, die Einheit wollen; die Einheit wollen heißt, die Kirche wollen; die Kirche wollen heißt, die Gnadengemeinschaft wollen, die dem Plan des Vaters von Ewigkeit her entspricht. Das ist also die Bedeutung des Gebetes Christi: >Ut unum sint<“[7]. Nur wenn der ökumenische Dialog als eine geistliche Begegnung der Wahrheit suchenden Brüder und Schwestern des einen Herrn verstanden wird, kann einerseits die Tendenz einer Auflösung der christlichen Wahrheit in einen gleichgültigen Relativismus und andererseits die Gefahr der Entstehung neuer Gegensätze und Verhärtungen vermieden werden. Vor diesem Hintergrund zeigt sich erneut, dass die geistliche Ökumene in der Tat die Seele der ökumenischen Bewegung ist.
III. Communio sanctorum. Spirituelles Wachstum in der Heiligkeit
Aus dieser geistlichen Grundhaltung gilt es, das zu leben, was wir im Glauben bekennen: „Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige katholische Kirche, die Gemeinschaft der Heiligen“[8]. Heiligkeit ist das erste Attribut der Kirche.[9] Das Attribut ‚heilig‘ wurde am Anfang des dritten Jahrhunderts dem römischen Taufsymbol beigefügt: „Glaubst du an den Heiligen Geist in der heiligen Kirche?“ Das Bekenntnis zur Heiligkeit der Kirche ist im Glauben eine Verheißung und eine bleibende Herausforderung zugleich. Es ist von großer Bedeutung für die geistliche Ökumene, dass diese älteste Wesensbeschreibung der Kirche mit dem Bekenntnis zum Heiligen Geist in Zusammenhang steht. In welchem Sinne ist die Kirche „heilig“?
Heiligkeit erscheint in der Heiligen Schrift als Wesenseigenschaft Gottes. Nur Gott ist heilig (vgl. Jes 6,3). Heiligkeit bezeichnet Gottes Ganz-anders-Sein, sein Mysterium. Heiligkeit ist seine eigentliche Seinsweise. Gott ist die Fülle der Heiligkeit. Der Heilige, Gott, lässt uns in seiner Liebe teilhaben an seinem Leben (vgl. 2 Petr 1,4) und so an seiner Heiligkeit (Hebr 12,10). Nur aus der Teilhabe am Leben Gottes empfängt die Kirche ihre Heiligkeit. Nur in Beziehung auf Gottes Heiligkeit können wir von der Heiligkeit des Volkes Gottes und von der der Kirche sprechen.
Wir können die Eigenschaft ‚heilig‘ einer anderen Wirklichkeit nur in dem Maße zuweisen, als sie mit Gott in Verbindung steht, von ihm herkommt, ihm gehört, gänzlich auf ihn bezogen ist. So kann das von Gott auserwählte Volk, das zu ihm gehören soll, als heilig bezeichnet werden. Es ist „ein heiliges Volk“, weil es von Gott und auf Gott hin konstituiert ist. Im biblischen Verständnis ist ‚heilig‘ im Allgemeinen auch alles, was in Beziehung zur Verehrung Gottes steht. Darum wird die Heiligkeit des Volkes dort intensiver erkennbar, wo es zusammengerufen und vereint ist in einer „heiligen Versammlung“ (vgl. Ex 12,16; Lev 23,2f.). Gottes Verehrung ist Sinn und Zweck der Versammlung des Volkes Gottes. Deshalb wird die Heiligkeit des Volkes Gottes in der Verehrung des heiligen Gottes deutlich zum Vorschein kommen.
Die Berufung Israels zur Heiligkeit wird im Neuen Testament universal erweitert. Die Kirche ist die „große Schar aus allen Nationen und Stämmen, Völkern und Sprachen“ (Offb 7,9). Sie soll das Evangelium Jesu Christi priesterlich verwalten und selbst eine Opfergabe werden, die Gott gefällt, geheiligt im Heiligen Geist (vgl. Röm 15,16). Wir können nur von der Heiligkeit der Kirche sprechen, insofern sie zu Christus und dem Heiligen Geist in Beziehung steht. Heilig ist sie, weil sie durch Gottes Geist geheiligt ist und der Heilige Geist in ihr wohnt. So wird die Kirche zum Tempel des Heiligen Geistes.
Das Bekenntnis zur Heiligkeit der Kirche nimmt die alttestamentlichen Verheißungen auf, dass Gott mit seinem Volk ist und unter ihm wohnt (vgl. Lev 26,11f.; 2 Kor 6,16–18). Diese wird noch intensiver verdeutlicht in den Abschiedsreden Jesu innerhalb des Evangeliums: „Wenn jemand mich liebt, wird er mein Wort halten; mein Vater wird ihn lieben und wir werden zu ihm kommen und bei ihm Wohnung nehmen“ (Joh 14,23). Der erste Johannesbrief spricht von der Gemeinschaft, die wir mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus haben (1 Joh 1,3). Diese Gemeinschaft mit Gott durch die geschenkte Teilhabe an seinem Leben, das Mitsein des Sohnes bis zum Ende der Welt (vgl. Mt 28,20) und die Gegenwart des Geistes Gottes in den Gläubigen macht die Kirche zu dem, was sie ist: heilig. Da Christus im Heiligen Geist in der Kirche fortlebt, kann die Kirche niemals aufhören, die „heilige Kirche Jesu Christi“ zu sein. Diese von Gott gegebene innere Verfasstheit der Kirche ist konstitutiv dafür, dass das Heilswerk Christi, die siegreiche Gnade Gottes, in den Grundvollzügen der Kirche durch die Zeiten Gegenwart bleibt. Wir können so von einer „strukturellen Heiligkeit“ der Kirche sprechen, weil die Kirche niemals von der inneren Verbindung zu Christus gelöst werden kann. Nur insofern die Kirche von Gott ist, ist sie heilig. Nur insofern Jesus Christus sich in seiner Treue unauflöslich mit ihr verbunden hat, ist sie heilig. An die heilige Kirche zu glauben bedeutet, an den Heiligen Geist zu glauben, der die Kirche heiligt, eint, katholisiert und apostolisiert.[10]
Man könnte hier von der „objektiven“ Heiligkeit der Kirche sprechen, wenn der Begriff nicht die Vorstellung nahelegte, „es gehe bei der Heiligkeit um eine ‚Sache‘, die uns zwar geschenkt wird, die wir dann aber ‚haben‘. Von der bis in die letzten Tiefen der Existenz reichenden Betroffenheit von der Heiligkeit Gottes, von seiner Gegenwart, von der Teilhabe an ihm, von der Freude eschatologischer Hoffnung, aber auch seinem Gerichtscharakter über alle Unreinheit und Sünde lässt dieser Begriff nichts spüren. Wir müssen diese Versachlichung überwinden und den tieferen personalen Sinn entdecken, um Freude am Glauben und an der Kirche zurückzugewinnen“ (W. Kasper).[11]
Die vorgegebene Heiligkeit der Kirche ist also eine göttliche Gabe, die für uns als Gemeinschaft der Gläubigen zur Aufgabe wird. Wir müssen diese Gabe persönlich annehmen und in unserem Leben verwirklichen. Alle Getauften sind berufen, durch ein heiligmäßiges Leben der von Gott geschenkten Heiligkeit zu entsprechen: „Seid heilig, denn ich, euer Gott, bin heilig“ (Lev 11,44f.; vgl. 1 Petr 1,16). Die uns zugewandte Seite der Heiligkeit Gottes ist seine Barmherzigkeit: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist“ (Lk 6,36). Barmherzigkeit ist die Quelle aller Heiligkeit. Wenn wir von der Barmherzigkeit umfangen sind, wachsen wir in die Heiligkeit des Lebens hinein. Die Heiligkeit Gottes und sein Heilshandeln werden zu einem Imperativ für alle getauften Christen. Sie sind berufen, in und durch ihr ganzes Leben selbst eine heilige, gottgefällige Opfergabe zu sein. Das ganze Leben der Christen ist Gottesdienst (vgl. Röm 12,1; 15,16).
Im Kontext des Gottesdienstes, der Liturgie und der Gottesverehrung wird das Bekenntnis zur Heiligkeit der Kirche eine bleibende Herausforderung für eine geistliche Ökumene sein. Was ist der Stellenwert der Liturgie und des Gottesdienstes im kirchlichen Leben? Diese Frage wird besonders aktuell in einer Zeit, in der die Kirchen zunehmend leerer werden, die meisten Getauften nicht regelmäßig am Gottesdienst teilnehmen und das Christentum sehr oft losgelöst von der Liturgie verstanden wird.
Die Kirche ist berufen, ein heiliges Volk vor Gott zu sein.[12] Diese Berufung ist ein bleibender Auftrag zur spirituellen Erneuerung und zum geistlichen Wachstum. Diese Erneuerung umfasst nicht nur Teilaspekte des christlichen Lebens, sondern das Ganze. Es gilt, die Universalität der Berufung zur Heiligkeit immer mehr zu entdecken und das christliche Leben unter das Zeichen der Heiligkeit zu stellen und die Notwendigkeit der Heiligung der eigenen Existenz zu einer allgemeinen Überzeugung werden zu lassen. Eine „Pädagogik der Heiligkeit“ ist für die Ökumene unverzichtbar. Die Aufgabe dieser „Pädagogik der Heiligkeit“ besteht darin, alle zu lehren und immer wieder daran zu erinnern, dass Heiligkeit das Ziel ihrer Existenz bildet. Daher sind in der Kirche alle zur Heiligkeit berufen, gemäß dem Apostelwort: „Das ist der Wille Gottes, eure Heiligung“ (1 Thess 4,3; vgl. Eph 1,4).[13] Das Bewusstsein der Universalität der Berufung zur Heiligkeit erfordert ein Verständnis der christlichen Existenz als Nachfolge Christi, als spiritueller Weg zur Gleichgestaltung mit Christus. Es geht dabei nicht um ein religiöses oder moralisches „Höchstleistungsprogramm“, nicht um die äußerliche Übernahme ethischer und religiöser Verhaltensformen, sondern vielmehr darum, sich persönlich in das Ereignis der Gnade Christi einbinden zu lassen und dieser Gnade Raum zu geben, in uns verwandelnd wirksam zu werden.
Die Kirche ist communio sanctorum, Gemeinschaft der Heiligen,[14] nicht nur Organisation, Institution oder Zusammenschluss von Menschen gleichen Glaubens. Wäre die Kirche nur ein humanitärer Global Player, statt Ort der Gegenwart Gottes und des Heiles in Jesus Christus zu sein, würde sie auf die sogenannte ‚Glaubwürdigkeit‘ ihres Personals und dessen Handelns angewiesen sein. Als „Sozialchristentum“ oder „Kulturchristentum“ würde die Kirche an ihrer (realen!) menschlichen Begrenztheit früher oder später scheitern. Aber die Heiligkeit der Kirche ist nicht die Summe der Heiligkeit ihrer jeweiligen Mitglieder in einer gegebenen Zeit, sondern ihre Vor-Gabe, die geschenkte Teilhabe an der Heiligkeit Gottes und die Präsenz der Heilsfülle Christi. Die Heiligkeit Gottes auszustrahlen ist die Berufung der Kirche, und diese Ausstrahlung macht ihre Schönheit aus, welche die Menschen zur Einheit führt.
In der sichtbaren Gestalt der Kirche muss das Ganze des Heils in Jesus Christus, auch wenn es nur in vorläufiger Gestalt ist, sichtbar und erkennbar bleiben. Je deutlicher die göttliche Würde der Kirche als von Gott kommendes Gnadengeschenk erkennbar ist, umso schmerzlicher wird die Diskrepanz zwischen der geistlichen Realität der Kirche und ihrem tatsächlichen Erscheinungsbild wahrgenommen. Neben den Sünden und Unvollkommenheiten ihrer Mitglieder gibt es in der Kirche immer wieder auch Fehlentwicklungen, Akzentverschiebungen und Defizite in der Verwirklichung des Evangeliums. Wenn wir deshalb von der Heiligkeit der Kirche sprechen, können wir über die Fehler und Schwächen der Menschen, die durch ihr amtliches Handeln der Kirche nach außen ein Gesicht geben, nicht schweigen. Wenn wir die Heiligkeit der Kirche jedoch auf den moralischen Anspruch an ihre Amtsträger und Mitglieder reduzieren, dann meinte Heiligkeit nicht mehr als Menschenwerk und Kirche erschiene als eine Agentur für Ethik.
Aber die Kirche ist keine menschliche Vereinigung, die auf die moralische Überlegenheit ihrer Mitglieder gebaut wäre, sondern Werk des Heiligen Geistes, durch das er das Heilswerk Christi universal präsent macht (vgl. Apg 1,8; Joh 16,5.7). Kirche ist heilig als Ort des Heils, als Ort der Gegenwart Gottes durch das Wirken des Heiligen Geistes. Jesus Christus hat sich mit der Kirche unlösbar verbunden. Er ist das Leben spendende Haupt seines Leibes. Der Leib aber ist nicht mit dem Haupt identisch und das Haupt nicht mit dem Leib. Trotz vieler Makeln und Runzeln im Gesicht der Kirche, wie es die Kirchenväter zu sagen pflegten, können wir die Kirche nicht von Christus trennen, denn Christus selbst hat sich mit ihr ein für alle Mal verbunden. Augustinus stellt diese innere Verbundenheit von Christus mit der Kirche eindrucksvoll dar, wenn er von Christus zusammen mit der Kirche als dem totus Christus, dem „ganzen Christus“, spricht. Nur im inneren Zusammenhang der bleibenden Gegenwart der Lebenshingabe Jesu in der Kirche können wir die Heiligkeit der Kirche als ihre Wesensbeschreibung bekennen. Die Kirche ist trotz aller Mängel und Sünden ihrer Gläubigen jeweils in Raum und Zeit Sakrament des Heils. Ihre Heiligkeit empfängt sie von ihrem Haupt, Christus, und sie ist heilig, damit seine Heilsfülle in ihr und durch sie sichtbar wird.
Deshalb ist die ständige geistliche Erneuerung der Gläubigen, und dadurch der Kirche, eine unverzichtbare Voraussetzung für das Gelingen der Ökumene. Nur wenn hinter allem Menschlichen das Göttliche an der Kirche immer wieder ausstrahlt, werden alle Getauften die Sehnsucht nach einer tiefen Kirchengemeinschaft spüren. Die Kirche muss von innen ständig evangelisiert werden, damit die wahre Heiligkeit deutlicher zum Ausdruck kommt. Die Glaubwürdigkeit der Kirche und der kirchlichen Gemeinschaften hängt davon ab, ob es ihnen gelingt, ihren spirituellen Auftrag deutlich erkennbar zu machen. Die Grundvoraussetzung dafür ist, dass jeder Christ persönlich in seinem Leben und Dienst diesen spirituellen Auftrag verwirklicht: „Alle Christgläubigen sollen sich bewusst sein, dass sie die Einheit der Christen umso besser fördern, ja sogar einüben, je mehr sie nach einem reinen Leben gemäß dem Evangelium streben. Je inniger die Gemeinschaft ist, die sie mit dem Vater, dem Wort und dem Geist vereint, umso inniger und leichter werden sie imstande sein, die gegenseitige Brüderlichkeit zu vertiefen“[15].
Die Einheit der Christen ist die gelebte christliche Geschwisterlichkeit, weil das Band der Taufgnade unter den Christen eine geistliche Verwandtschaft stiftet. Die Verbindung jedes Einzelnen und die Verbindung der Kirche als Ganze zu Jesus Christus ist das Fundament der Einheit. Unsere lebendige Beziehung zu Christus öffnet unsere Augen und Herzen, die geistliche Verwandtschaft unserer Mitchristen mit Christus zu erkennen und damit unsere geschwisterliche Verbundenheit untereinander zu entdecken. Diese geistliche Verwandtschaft unter den Christen wird im gelebten Christsein zur vollen Entfaltung kommen und festigt dadurch die Einheit untereinander. Als Söhne und Töchter Gottes in Christus sind alle Christen untereinander verbunden. Alle gemeinsam bilden den einen Leib Christi. Diejenigen, die in allen Kirchen spirituell leben, werden diese geistliche Verwandtschaft der Christen entdecken und unter der Führung des Heiligen Geistes den Weg zur sichtbaren Einheit finden.
Man kann das Haupt, Christus, nicht lieben, ohne auch die Glieder seines Leibes zu lieben. Das Haupt lebt in Einheit mit dem Leib. Die Glieder des Leibes bilden eine Einheit. Was uns eint, ist die Teilhabe am Leben Christi, wie es im Gleichnis vom Weinstock und den Reben ausgedrückt ist (vgl. Joh 15). Die gleiche Lebenskraft fließt in allen Rebzweigen, die Früchte bringen. Die Einheit mit dem Weinstock und der Reben untereinander ist die Quelle ihrer Fruchtbarkeit.
Geistliche Ökumene erwächst aus der Bereitschaft der Christen aller Konfessionen, bei allen noch vorhandenen Unterschieden ihre größere geistliche Einheit in dem einen Herrn Jesus Christus neu zu entdecken und sie zu leben. Die geistliche Ökumene entwickelt eine neue Dynamik, wenn die Christen ihre Verbundenheit mit Jesus Christus verlebendigen, ihre Berufung, heilig und barmherzig wie der himmlische Vater zu sein, entdecken und sie als ihre Heilssendung für die Welt leben.
Dabei ist die Zeichenfunktion der Kirche auf das Reich Gottes hin, gerade auch im Unterschied zu ihm, deutlich zu sehen. Indem die Kirche den Glaubenden die Gewissheit der Teilhabe am eschatologischen Heil vermittelt, kann sie selbst allerdings schon diesseits der eschatologischen Vollendung Ort der Gegenwart des Geistes sein. Es ist eine bleibende Aufgabe der Christenheit, die Kirche auf ihrem Weg durch die Geschichte als Ort des eschatologischen Heils erfahrbar zu halten. Die Berufung der Kirche als Zeichen der Zukunft des Reiches Gottes wird in der Geschichte jedoch immer wieder aus unterschiedlichen Gründen verdunkelt. Die Macht der Sünde kann das Antlitz der Kirche als einer vom dreifaltigen Gott gestifteten Gemeinschaft bis ins Äußerste entstellen. Immer wieder droht die Gefahr, die Kirche mit allen anderen gesellschaftlichen Gruppierungen zu vergleichen oder gar gleichzusetzen, sie an diesen zu messen und deren Strukturen und Gesetze zu übernehmen. In diesem Kontext ist von allen Gläubigen die Kraft zur geistlichen Unterscheidung gefragt, um die Mahnung des Apostels Paulus zu beherzigen: „Gleicht euch nicht dieser Welt an, sondern lasst euch verwandeln durch die Erneuerung des Denkens, damit ihr prüfen und erkennen könnt, was der Wille Gottes ist: das Gute, Wohlgefällige und Vollkommene“ (Röm 12,2). Auch wenn keine Sünde der Menschen das innere Wesen der Kirche als eine vom dreieinigen Gott kommende Einladung zur Gemeinschaft mit ihm zerstören wird, kann diese innerste Wahrheit derart von den Automatismen dieser Welt überlagert werden, dass sie zuweilen vergessen werden kann.
Die Kirche hat eine Sendung, aber sie kann ihre Sendung nur erfüllen, wenn sie lebt, was sie ist: die eine heilige Kirche Jesu Christi. Die einzelnen Christen und die christlichen Kirchen und Gemeinschaften sollten einen geistlichen Wettbewerb eingehen, um mehr und mehr geistlich zu leben, sich einander im Wachstum in der Heiligkeit zu übertreffen und so die Heiligkeit der Kirche gemeinsam sichtbar zu machen. Nur im Vertrauen auf Christi Verheißung und nur in einer inneren Verbindung mit ihm kann die Kirche das sein, wofür sie in die Welt gesendet ist, „denn getrennt von mir könnt ihr nichts vollbringen“ (Joh 15,5). Jedem Christen gilt die Aufforderung des Herrn, das Gute so zu tun, dass die Menschen nicht uns, sondern den Vater im Himmel preisen. Unsere Heiligkeit soll vor den Menschen leuchten, damit sie unseren Vater im Himmel preisen (vgl. Mt 5,16).
IV. Die Universalität der Kirche. Spirituelles Wachstum in der Katholizität
Im ökumenischen Kontext müssen wir mit dem Begriff ‚katholisch‘ verbundene Missverständnisse ausräumen, indem wir entschieden betonen, dass die katholische Kirche, zu der sich alle Christen gemeinsam im Credo bekennen, nicht deckungsgleich ist mit der konfessionellen Bezeichnung für die römisch-katholische Kirche.
Der Begriff ‚katholisch‘, abgeleitet aus dem Griechischen, bedeutet eine raumzeitliche universale Weite in einem quantitativen Sinne, die alle und alles umfasst, und in einem qualitativen Sinne die ganze Fülle und Vollkommenheit. Wenn die Kirchenväter diesen Begriff aufgegriffen haben, um das Wesen der wahren Kirche zu beschreiben und sie von den Schismatikern und Häretikern zu unterscheiden, ist mit dem Begriff ‚katholisch‘ ihre umfassende Heilsfülle und ihre universale Präsenz gemeint. Die Kirche, die in diesem Sinne katholisch ist, ist präsent in der ganzen Welt, und sie verkündet in Wort und Sakrament das allen Menschen in Jesus Christus zugedachte Heil in seiner Fülle. Die Kirche ist katholisch, weil sie diese Heilsfülle Christi in sich trägt.[16]
1. Katholizität als Fülle
In der Heiligen Schrift wird diese Heilsfülle in Christus mit dem griechischen Begriff ‚pleroma‘ eindrucksvoll zum Ausdruck gebracht. Mit diesem Begriff wird in besonderer Weise im Epheser- und Kolosserbrief die Fülle des Heiles, die Gott selbst ist, in Beziehung gesetzt zur Gegenwart der Heilsfülle in Christus und der Fülle des von ihm an die Kirche geschenkten Heils. Die Wurzel der Katholizität der Kirche in einem qualitativen Sinne ist in der Fülle des Heils in Jesus Christus begründet, von dem sie die Kirche empfängt: „Aus seiner Fülle haben wir alle empfangen, Gnade über Gnade“ (Joh 1,16).
Der biblische Begriff ‚pleroma‘ ist ein Name für Gott selbst, das höchste Gut, die Fülle des Heils. „Erfülle ich nicht Himmel und Erde?“ (Jer 23,24). Gott erfüllt das All, indem er es mit seiner Seinsfülle und seiner allgegenwärtigen Kraft durchdringt. ‚Pleroma‘ weist uns in zwei Richtungen: in die vertikale Richtung auf Gott und in die horizontale Richtung der Kirche.
Einerseits gilt: Gott selber ist die Fülle. Er lässt seine Fülle wohnen in Christus (Kol 1,19; 2,9). Der auferstandene Christus lässt die Kirche teilhaben an seiner Fülle, sodass sie die Fülle dessen ist, der alles mit allem erfüllt (vgl. Eph 1,23).
Andererseits gilt auch: Christus muss Wohnung nehmen im Herzen der Gläubigen, „auf dass ihr erfüllt werdet in die ganze Fülle Gottes hinein“ (Eph 3,19). Die Aufforderung an die Gläubigen ist bleibend aktuell: „Lasst euch vom Geist erfüllen!“ (Eph 5,18).
Durch das Geschenk und den Empfang der Fülle Christi wird die Kirche aufgebaut. Der Aufbau der Kirche ist eine göttliche Tat, eine Gabe, die Christus der Kirche schenkt. Zugleich muss sich die Kirche der Aufgabe stellen, in ihrem geistlichen Wachstumsprozess diesen Aufbau voranzutreiben. „So sollen wir alle zur Einheit im Glauben und in der Erkenntnis des Sohnes Gottes gelangen, zum vollkommenen Menschen, zur vollen Größe, die der Fülle Christi entspricht“ (Eph 4,13). Das Kriterium für das Wachstum der Kirche sind Wahrheit und Liebe: „Wir wollen, von der Liebe geleitet, die Wahrheit bezeugen und in allem auf ihn hin wachsen. Er, Christus, ist das Haupt. Von ihm her wird der ganze Leib zusammengefügt und gefestigt durch jedes Gelenk. Jedes versorgt ihn mit der Kraft, die ihm zugemessen ist. So wächst der Leib und baut sich selbst in Liebe auf“ (Eph 4,15f.). In dieser Perspektive ist Katholizität das Wachstum in die Fülle hinein, indem wir den Reichtum der Offenbarung Christi tiefer kennenlernen; das heißt indem wir mehr und mehr die Kraft Christi erkennen und durch unser Leben Zeugnis davon ablegen.
Die Kirche ist der Erfahrungsort des Heils, weil in ihr die Fülle Christi wirksam gegenwärtig und erfahrbar ist. Katholizität ist das geistliche Bewusstsein der Christen, dass sie lebendige Glieder der alles umfassenden Kirche Gottes in Jesus Christus sind. Katholizität ist der Reichtum der geschenkten Teilhabe an Christus und das durch diese Teilhabe gegebene „Wir“. Die Kirche soll auf dem Weg der Ökumene zur ganzen Fülle der ihr eigenen Katholizität heranwachsen.
2. Katholizität als Universalität
Der Begriff der quantitativen Katholizität drückt die Universalität der Kirche aus: in allen Zeiten lebend und sich ausbreitend unter allen Völkern und Nationen. Diese raum-zeitliche Universalität ist keine isoliert in der Luft hängende Eigenschaft der Kirche, sondern ist grundgelegt in ihrer qualitativen Katholizität, Erfahrungsort der Heilsfülle Christi zu sein. Wenn die Katholizität eine bleibende Eigenschaft der Kirche ist, muss sie ihr schon am Pfingsttag zu eigen gewesen sein, obwohl die Kirche in ihrer Universalität noch nicht über Jerusalem hinaus ausgedehnt war. Die Pfingstgemeinde, die Gemeinschaft der ersten Christen, die die Menschen, unter denen sie in Jerusalem lebte, zur Anerkennung Christi als Erlöser der Welt aufrief, war im vollen Sinne des Wortes „ecclesia catholica“. Katholizität ist die Eigenschaft der sichtbaren Kirche, weil Christus als Fülle des Heils mit seiner Kirche untrennbar als ihr Haupt präsent ist.
Die raum-zeitliche Katholizität hat nur Bestand als Widerspiegelung der Fülle Christi, der als Haupt der Kirche sein Heilshandeln in Raum und Zeit durch sie als sein Sakrament und Werkzeug von Anfang an und immerwährend tut. „Mir ist alle Vollmacht gegeben im Himmel und auf der Erde“ (Mt 28,18). Die Vollmacht Christi ist seine Heilsfülle, zu der er durch die Verkündigung seiner Kirche alle Menschen ruft. Daraus folgt deren Katholizität in Raum: „Geht und macht alle Völker zu meinen Jüngern“ (Mt 28,19) und Zeit: „Ich bin mit euch alle Tage bis zum Ende der Welt“ (Mt 28,20). Aus dieser Sendung der Kirche wächst eine Dynamik, die Katholizität zu leben, in ihr zu wachsen und sie in Raum und Zeit auszubreiten.
Dieses Wachstum in der Katholizität ist eine dringende Aufgabe in einer Zeit der inneren und äußeren Diaspora, in der sich der christliche Glaube und die Kirchen heute befinden. Durch Mission und Evangelisierung wachsen wir immer mehr in die Katholizität der Kirche nicht nur in Raum und Zeit, sondern auch in der Fülle.
Wenn wir Ökumene als geistlichen Prozess sehen, dann soll es allen Kirchen darum gehen, den spirituellen Gehalt der Katholizität für sich neu zu entdecken und sie zu aktualisieren, darzustellen, zu verlebendigen und zu vertiefen. Dieses geschieht durch eine immerwährende geistliche Erneuerung. Nur in der Kraft des Geistes können wir die Kraft aufbringen, das zu leben, was wir sind und was wir in unserem Glauben bekennen. Katholizität ist eine Gabe und eine Aufgabe zugleich, eine Herausforderung für alle Kirchen und alle kirchlichen Gemeinschaften in unserer ökumenischen Verbundenheit.
3. Wachstum in der Katholizität
Geistliche Ökumene ist der Weg der Kirche zu ihrer vollen Katholizität. Ohne den festen spirituellen Willen der einzelnen Christen und aller beteiligten Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften, in der Fülle des Christlichen zu wachsen, werden unsere ökumenischen Worte und Taten wirkungslos bleiben. Die Einheit der Kirche zu realisieren ist nichts anderes, als in die volle Katholizität der Kirche hineinzuwachsen, die wir im Glauben bekennen. Nach einem Wort des Ignatius von Antiochien, der den Begriff „katholisch“ im zweiten Jahrhundert geprägt hat, ist Katholizität dort, wo Jesus Christus ist. Die getrennten Christen in unterschiedlichen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften wachsen in der Einheit, wenn sie bewusst die Gegenwart des Herrn in der Kirche wahrnehmen und ihre Teilhabe an seinem Leben zeugnishaft vertiefen. Kirche ist wahrhaft katholisch, wo Christus erfahrbar wird. Ein Großteil unserer heutigen Kirchenkrise rührt daher, dass die Menschen Christus in der Kirche nicht wahrnehmen. Kirche wird in dem Maße Zukunft haben, in dem Menschen Christus in der Kirche entdecken und Kirche und Christus in ihrem Zusammenhang sehen. Sich dieser Herausforderung zu stellen ist die ökumenische Berufung aller Christen.
Nur ein fester Wille zur rechten Katholizität und zur Fülle in Christus kann unsere getrennten Kirchen von ihren Partikularismen befreien und sie auf den ökumenischen Weg führen. Wenn wir uns von der Einengung in Nationales und Kulturelles befreien, die Trennungen und Spaltungen in unserer Mitte überwinden und so wahrhaft katholisch werden, dann leben wir die Kirche Jesu Christi. Dieser Weg der Kirche, immer mehr die Kirche Jesu Christi zu sein und immer mehr zu werden, ist nur möglich, wenn wir das Kirchesein als gelebte Gottesbeziehung neu verstehen lernen. Die daraus entstehende Einheit der Christen ist gelebte Wirklichkeit, wo Christen ihr Christsein als wahrhaft geisterfüllte Gottesverehrung (vgl. Röm 12,1) leben.
Im Kern des Kircheseins liegt die Katholizität – leider nicht immer in der Erscheinung und Erfahrung des Alltags. Wenn alle Kirchen sich als wahre katholische Kirchen verstehen und bekennen, sind sie verpflichtet, selbstkritisch zu fragen: Wie können wir so in die katholische Fülle hineinwachsen, dass wir dem eigenen Anspruch, katholisch zu sein, entsprechen? Sind wir nicht berufen, Zeichen und Werkzeug wahrer Katholizität zu sein?
Wachstum in der Katholizität bedeutet, dass die Kirchen immer mehr lernen, sich in ihrer neuen Situation in Zeit und Raum auf Christus, in dem alle Schätze der Weisheit und Erkenntnis verborgen liegen (vgl. Kol 2,3), und auf die Kernbotschaft des christlichen Glaubens zu konzentrieren. Je katholischer die Kirche ist, desto mehr ist sie mit ihrem Glaubensgehorsam bei ihrem Haupt, Jesus Christus. Dies ist eine andauernde Herausforderung für alle Kirchen und die Motivation für die ökumenischen Annäherungen. Katholizität und Ökumene sind kein Widerspruch. Sie sind vielmehr zwei Seiten ein und derselben Medaille.
Die Katholizität ist Grund und Ziel, Ausgangs- und Endpunkt der Kirche. Die Kirche ist aufgerufen, zu leben, was sie ist. Das ist die Dynamik des Wachstums. Dies vollzieht sich in einem fortdauernden Zusammenspiel von geistlicher Erneuerung, Gebet, Selbstprüfung, Entscheidung und Handlung. Eine solche Besinnung auf die Katholizität als Ausgangspunkt bedeutet, dass die Kirchen und Gemeinschaften sich wieder an ihren Urgrund erinnern und aus dieser Quelle Kraft schöpfen, mehr und mehr die Kirche Jesu Christi zu werden. Geistliche Ökumene ist der Weg, in dem die Kirchen zur Kirche Jesu Christi werden. Wenn sie ihre Fülle der Katholizität entdecken, wenn sie von dieser Dynamik beseelt sind, sind wir auf dem besten Weg zur sichtbaren Einheit. Die Katholizität der Kirche ist die universale Dynamik ihrer Einheit. Sie hat die Fähigkeit, alle Menschen in sich aufzunehmen, zu erfüllen, zu begeistern, für Gott zu gewinnen und in Gott alle Gläubigen zu vereinen.
Eine Betrachtung des reformierten Theologen Karl Barth (1886–1968) aus seiner „Kirchlichen Dogmatik“ über die Katholizität der Kirche kann uns Impulse und Inspiration geben in einer Zeit, in der von allen Seiten immer mehr Reformforderungen an die Kirche erhoben werden: Den Sinn der Katholizität erkennt er in ihrer „Selbigkeit“, ihrer „Kontinuität in allen Verschiedenheiten“[17]. Die Kirche bleibt sich selbst treu bei all ihrer geografischen Ausbreitung und Inkulturation, bei aller Verschiedenheit der Kulturen und Sprachen, bei allem Wechsel des Zeitgeistes. Die Kirche ist, trotz aller Unterschiede, mehr als die Summe ihrer Glieder. Darin spiegelt sie in aller Gebrochenheit die Katholizität ihres Herrn wider (vgl. Eph 4,13f.).
Wachstum in der Katholizität ist nur möglich, wenn wir erkennen, dass dieses Wachstum nicht von einer natürlichen Gutheit der Menschen ausgehen kann, da wir die Realität der Sünde und des Bösen im Menschen und damit die Entfremdung von Gott ernst nehmen müssen. Umso mehr müssen wir offen werden für das Wirken des Heiligen Geistes, damit der Geist in uns wirken, uns befreien und heilen kann. Ökumene ist der geistliche Prozess des Wachstums in der Fülle Jesu Christi. Sie ist eine Sache des Ringens, der Bekehrung und Erneuerung des Glaubens durch seine Vertiefung und Verlebendigung.
V. „Damit die Welt glaube“. Apostolische Sendung, missionarische Spiritualität
Kirche zu sein meint wesentlich, „gesendet zu sein“: „Wie du mich in die Welt gesandt hast, so habe ich sie in die Welt gesandt“ (Joh 17,18).[18] Jesus selbst ist „der Apostel und Hohepriester unseres Bekenntnisses“ (Hebr 3,1). Der auferstandene Herr übt seine Sendung durch die Kirche aus und gibt seinen Sendungsauftrag an seine Kirche weiter. Ihre Einheit ist Zeugnis für die Sendung Christi selbst: „Alle sollen eins sein, damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast“ (Joh 17,21). Die Kirche ist berufen und in die Welt gesandt, der ganzen ‚oikumene‘ (dem ganzen Erdkreis) das Evangelium des Heils zu verkünden (Mt 24,14; vgl. Mt 28,18–20). Indem die Kirche Zeichen und Werkzeug der innigsten Einheit mit Gott und für die Einheit der gesamten Menschheit wird, ist in ihr diese Sendung des Herrn präsent und setzt sich wirksam fort. „Apostolisch“ ist die Kirche, indem sie die Sendung Jesu Christi in der Welt verwirklicht und sie von Generation zu Generation weitergibt.
Die Kirche ist keine in sich geschlossene Wirklichkeit, sondern fortwährend offen für die missionarische und ökumenische Dynamik, da sie in die Welt gesandt ist, um das Geheimnis, das sie konstituiert, zu verkünden, zu bezeugen, zu vergegenwärtigen und zu verbreiten. Das ist der allen gemeinsame Auftrag aus der Verheißung des Auferstandenen. In der festen Gewissheit seines bleibenden Mitseins in seinem Geist bei uns sind wir in die Welt gesandt, alle Menschen zu seinen Jüngern in seine Nachfolge zu berufen, sie zu lehren, alles zu befolgen, was er uns geboten hat (vgl. Mt 28,19–20). Die Einheit der Christen ist kein Selbstzweck, sondern hat das Ziel, Zeugnis zu geben von der Einheit Gottes und der Menschheit. Die Realität des kommenden Gottesreiches in der heutigen Welt gilt es glaubhaft zu bezeugen. Das Ziel aller Bemühungen um die Einheit ist, der Kirche zu einem klaren und erfahrbaren Zeugnis der frohen Botschaft zu verhelfen. In einer Zeit, „in der Gott verloren geht“[19], in der die Erfahrung der Abwesenheit Gottes nicht nur in der säkularen Gesellschaft, sondern auch zunehmend in der Kirche spürbar wird, „stehen alle Kirchen vor einer neuen gemeinsamen Aufgabe, vor einer neuen ökumenischen Herausforderung. Sie müssen die Reichtümer ihrer jeweiligen Kirchen neu erschließen und sagen lernen, wer Gott für uns ist und wer wir vor Gott sind, wer Jesus Christus ist und was er für uns bedeutet. Wir müssen neu sagen lernen, was Sünde, was Gericht und was Gnade bedeutet. Wir müssen unsere Tradition in eine Sprache übersetzen, die unser Leben trifft und erhellt und die Hoffnung zu geben vermag. Das sind ökumenische Herausforderungen, vor denen alle Kirchen gemeinsam stehen. Gemeinsam stehen sie zu Beginn des neuen Jahrhunderts und Jahrtausends vor der Aufgabe einer neuen Evangelisierung“ (W. Kasper).[20] Ökumene ist kein Luxus neben dem sonstigen Auftrag der Kirche. Sie steht in dessen Zentrum.
„Ökumene hat heute für alle Kirchen eine pastorale Priorität, ‚damit die Welt glaube‘“ (W. Kasper).[21] Denn Evangelisierung ist die bleibende Aufgabe und Sendung der Kirche, besonders in einer Zeit, in der alle organisierten Kirchen an Glaubwürdigkeit verlieren und ihre eigenen Gläubigen sich emotional von ihrer Kirche distanzieren und die Kirchenbindungen verdunsten.
Angesichts dieser großen Herausforderung muss es darum gehen, alle Kräfte neu zu bündeln, um gemeinsam Zeugnis abzulegen. Allein die erneuerte Besinnung auf die apostolische und missionarische Sendung der Kirche kann zu der immer noch beklagenswert wenig in der Christenheit verbreiteten Einsicht führen, in welchem Ausmaß die christlichen Kirchen für die Welt wegen ihrer fortdauernden Spaltungen unglaubwürdig geworden sind.
Die Kirche als Volk Gottes hat den Auftrag zur Weltgestaltung. Dabei dürfen Glauben und Leben, Verkündigung und Praxis der Kirche, sowohl in eigenem Verhalten wie in ihrer Botschaft, nicht auseinanderfallen. Die Kirche ist ihrem Wesen nach missionarisch, aber sie kann ihre Sendung nur erfüllen, wenn sie als Leib Christi die heilschaffende Gegenwart des Herrn glaubhaft und überzeugend verkündet. Mission und Ökumene sind die beiden Formen, in denen die Kirche in die Zukunft hinein auferbaut wird. In der Ökumene sammelt sie die zertrennten Christen und wird dabei zugleich durch die Vielfalt der Charismen und der spirituellen Erfahrungen bereichert. In der Mission weitet sie sich aus in die Welt hinein und nimmt zugleich die im Licht der Botschaft Christi gereinigten kulturellen Reichtümer der Völker in sich auf. So wächst die Kirche auf dem Weg der Mission und der Ökumene zur ganzen Fülle der Kirche Jesu Christi.
Ganz offenbar widersprechen die Spaltungen unter uns dem Willen Christi, sind ein Ärgernis für die Welt und ein Schaden für die heilige Sache der Verkündigung des Evangeliums vor allen Geschöpfen. Um der Sache Jesu willen müssen wir alles daran setzen, die Ökumene aus dem Sendungsauftrag der Kirche her zu intensivieren und als geistlichen Prozess der Verlebendigung und Weitergabe des Glaubens weiterzuführen. Denn die Existenzberechtigung der sichtbaren Kirche ist allein die Vermittlung und Verwirklichung des in Christus geschenkten Heils, damit die Menschen ihr Heil finden, zur Ehre Gottes.[22] Die Kraftquelle der Ökumene ist das Bewusstsein der sakramentalen Verbundenheit der Christen mit Gott, die dadurch gegebene Verbundenheit untereinander und die daraus folgende spirituelle Lebens- und Zeugengemeinschaft.[23]
In der Kirche als sichtbarer Zeugengemeinschaft dieser Einheit ist schon die eine heilige Kirche Jesu Christi gnadenhaft gegeben. Jedoch ist die Kirche als pilgerndes Volk auf dem Weg zur Vollendung im Reich Gottes berufen, diese Einheit zu leben und nach ihrer Fülle und vollkommenen Entfaltung zu streben. Durch die bleibende Gegenwart des Herrn und seines Geistes wächst sie in diese Fülle hinein. In der Kraft des Geistes wird die Kirche auf ihrem Weg immer wieder neu, was sie schon immer war und bleibend ist. Wenn wir diesen Weg der Kirche in der Geschichte als einen geistlichen Prozess verstehen und diesen Weg spirituell gehen, dann können wir der schon einmal erkannten Wahrheit des Glaubens und Lebens treu sein und diese Erkenntnis immer wieder in der Kraft des Heiligen Geistes erneuern lassen. Es ist der Geist Gottes, der das ein für alle Mal überlieferte apostolische Erbe jung und frisch hält.[24] In diesem Sinne ist die Ökumene das Werk des Heiligen Geistes und die geistliche Ökumene ihr Herz.[25]
Die Sendung der Kirche zur Evangelisierung und die Ökumene sind eng miteinander verbunden. Deshalb müssen wir an der Wurzel ansetzen: Mitte des kirchlichen Lebens muss das Evangelium sein, denn das Evangelium ist der Anfang, die bleibende Grundlage und die Quelle kirchlichen Lebens und aller Erneuerungen. Selbstverständlich ist das Evangelium nicht das Buch der Buchstaben, sondern es ist das lebendige Wort Gottes, Jesus Christus selbst. So müssen wir wieder auf dem Boden des Evangeliums neu beginnen und alles in Christus erneuern: Nur auf dem Weg der Evangelisierung, welche zugleich Selbstevangelisierung und eine Neuevangelisierung bedeutet, können wir Ökumene als einen geistlichen Weg zur Einheit gehen.
Die Ökumene hat also einen kirchlichen Charakter und eine universale, auf die ganze Welt bezogene missionarische Dimension. Das missionarische Zeugnis wird authentisch und glaubwürdig, wenn die Zeugen vom Geist Gottes beseelt sind und sie in seiner Kraft aus einem ganzheitlichen Kirchenverständnis heraus Zeugnis ablegen. Dabei sind die Zeuginnen und Zeugen sich bewusst: „Umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben“ (Mt 10,8). Zeugen müssen wissen, wovon sie Zeugnis geben. Das christliche Zeugnis ist ein Zeugnis vom geöffneten Himmel (vgl. Apg 7,56). Dabei geht es heute darum, in einer ambivalenten Situation, in der ein Gottesglaube ohne Christus, ein Christusglaube ohne die Kirche oder eine Kirche ohne Christus und ohne Gott die Signaturen der Zeit sind, den Gottesglauben mit den zentralen Glaubenswahrheiten in ihrem inneren Zusammenhang zu verkünden. Die missionarische Verkündigung der Kirche soll den Menschen den christlichen Glauben in seiner eschatologischen Perspektive eröffnen. Denn eine Kirche, die den Horizont der Ewigkeit nicht offenhält, kann keine tragfähige Antwort auf die Sinnfrage der Menschen geben.
Es ist unsere gemeinsame Aufgabe, religiös sprachfähig und auskunftsfähig zu werden. Im Grunde genommen geht es darum, dass wir Menschen wieder von Jesus Christus und seiner Botschaft begeistern. Denn der Zweck der Einheit aller Christen ist die Berufung zum Zeugnis für die Wahrheit der Person und Sendung Jesu Christi: „Damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast“ (Joh 17,21). Jesus macht das Erkennen seiner Person und seiner Botschaft der unbedingten Liebe gewissermaßen abhängig von der Einheit der ihm nachfolgenden Jünger und Jüngerinnen: „So sollen sie vollendet sein in der Einheit, damit die Welt erkennt, dass du mich gesandt hast und sie ebenso geliebt hast, wie du mich geliebt hast“ (Joh 17,23). Deshalb ist die erbetene und geschenkte Einheit ein unverzichtbarer Auftrag an alle, die von der Botschaft Jesu begeistert sind und ihm nachfolgen. Zum Wesen des Christseins gehört darum die Verpflichtung zum Wachstum in der Einheit. Die Ökumene ist „eine heilige Pflicht“ (W. Kasper).[26] Im Einssein der Christen soll ihre Hoffnung auf das Heil in Jesus Christus sichtbar werden, damit alle Menschen, die noch nicht glauben, Jesus als ihren Erlöser und ihr Heil und darin die Liebe und Güte Gottes für sich erkennen. „Das aber ist das ewige Leben: dass sie dich, den einzigen wahren Gott, erkennen und den du gesandt hast, Jesus Christus“ (Joh 17,3).
Wenn wir Ökumene als einen geistlichen Prozess leben, werden wir unsere gemeinsame Kraft zum Zeugnisgeben nicht dadurch verlieren, dass wir uns ständig darüber beklagen, was uns zum gegebenen Zeitpunkt leider noch nicht möglich ist, sondern wir werden uns darauf besinnen, was alles schon unter den getrennten Christen möglich geworden ist. Wir resignieren nicht, sondern finden die Kraft, gemeinsam Rechenschaft und Zeugnis von der Hoffnung zu geben, die uns erfüllt (vgl. 1 Petr 3,15). Eine Glaubensvertiefung tut uns not, damit wir in der Liebe verwurzelt und auf sie gegründet die Länge und Breite, die Höhe und Tiefe des Reichtums Christi (vgl. Eph 3,17f.) uns existenziell aneignen und daraus neue missionarische Kraft entwickeln, damit die Menschen in der Botschaft Jesu den Sinn ihres Lebens und die Erfüllung ihrer Sehnsucht finden können. Deshalb kann Ökumene als geistlicher Prozess ihre Kraft nur aus einer missionarischen Spiritualität schöpfen.[27]
Das tragende Fundament, der wesentliche Grund aller Einheit, in der Gott sich mit den Menschen und die Menschen untereinander verbinden, ist die Liebe. Dass die an Christus Glaubenden in dieser Liebe wachsen, darum bittet der Herr selbst: „Ich habe ihnen deinen Namen kundgetan und werde ihn kundtun, damit die Liebe, mit der du mich geliebt hast, in ihnen ist und ich in ihnen bin“ (Joh 17,26). Wenn wir in der Liebe Christi bleiben, haben wir auch die Fähigkeit, alles, was auch anderswo von Christus ist, zu erkennen, zu lieben und so im Leben zu integrieren. Wenn die Liebe Christi in uns lebendig ist, treibt sie uns an und voran: caritas Christi urget nos (2 Kor 5,14). Nur aus der Begeisterung jedes Christen für die Botschaft Jesu Christi, in der wir unser Leben Jesus Christus übergeben, kann die Spaltung geheilt und überwunden werden.
[1] Vgl. G. Augustin, Die Seele der Ökumene. Einheit der Christen als geistlicher Prozess. Mit einem Geleitwort von Walter Kardinal Kasper, Ostfildern 2017; ders., Geistliche Ökumene. Weg zum Gelingen der Einheit, in: Diakonia 48 (3/2017) 161-166.
[2] Vgl. U. Wilken/W. Kasper, Weckruf der Ökumene. Was die Einheit der Christen voranbringt, Freiburg i. Br. 2017.
[3] Vgl. W. Beinert, Die Rezeption und ihre Bedeutung für das Leben und Lehre der Kirche, in: W. Pannenberg/T. Schneider (Hg.), Verbindliches Zeugnis, Bd. 2, Freiburg – Göttingen 1995, 193-218.
[4] Vgl. H. Döring, Gemeinschaft im geistlichen Tun. Aspekte ökumenischer Spiritualität, in: K. Krämer/A. Paus (Hg.), Die Weite des Mysteriums. Christliche Identität im Dialog, Freiburg i. Br. 2000, 591-617.
[5] Päpstlicher Rat zur Förderung der Einheit der Christen, Direktorium zur Ausführung der Prinzipien und Normen über den Ökumenismus, Rom 1993, 25.
[6] Vgl. G. Augustin, Gott eint – trennt Christus? Die Einmaligkeit und Universalität Jesu Christi als Grundlage einer christlichen Theologie der Religionen (Konfessionskundliche und kontroverstheologische Studien 59), Paderborn 1993.
[7] Johannes Paul II., Enzyklika Ut unum sint (1995), Nr. 9.
[8] Vgl. Apostolisches Glaubensbekenntnis.
[9] Vgl. zum Folgenden: W. Kasper, Katholische Kirche. Wesen – Wirklichkeit – Sendung, Freiburg i. Br. 2011, 238ff.; Y. Congar, Heilige Kirche, in: MySal IV/1, 458-477.
[10] Vgl. Congar, Heilige Kirche, 467.
[11] Kasper, Katholische Kirche, 243.
[12] Vgl. Papst Franziskus, Apostolisches Schreiben Gaudete et exsultate (2018), Nr. 2.
[13] Vgl. LG 39.
[14] Vgl. Bilaterale Arbeitsgruppe der Deutschen Bischofskonferenz und der Kirchenleitung der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands, Communio Sanctorum: Die Kirche als Gemeinschaft der Heiligen, Paderborn 2000.
[15] UR 7.
[16] Vgl. Kasper, Katholische Kirche, 254ff. Zu einer hervorragenden und kenntnisreichen Darstellung der Katholizität der Kirche vgl. D. Schultheis, Die Katholizität der Kirche. Versuch einer Bestimmung der dritten nota ecclesia in der deutschsprachigen Systematischen Theologie seit dem Zweiten Vatikanum, Würzburg 2015.
[17] K. Barth, Kirchliche Dogmatik, IV/1, 783.
[18] Vgl. G. Augustin, Ich bin eine Mission. Schritte der Evangelisierung, Ostfildern 2018.
[19] Vgl. T. Faulhaber u.a. (Hg.), Wenn Gott verloren geht. Die Zukunft des Glaubens in der säkularisierten Gesellschaft (QD 174), Freiburg i. Br. 1998.
[20] W. Kasper, Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, in: E. Pulsfort/R. Hanusch (Hg.), Von der gemeinsamen Erklärung zum gemeinsamen Herrenmahl. Perspektiven der Ökumene im 21. Jahrhundert, Regensburg 2002, 217-238, 87.
[21] Ebd.
[22] Vgl. UR 1.
[23] Vgl. UR 12.
[24] Vgl. Irenäus von Lyon, Contra haereses III, 24, 1.
[25] Vgl. UR 8.
[26] W. Kasper, Priesterlicher Dienst an der Ökumene – Chancen und Grenzen, in: G. Augustin/J. Kreidler (Hg.), Den Himmel offen halten. Priester sein heute, Freiburg i. Br. 2003, 92-106, 92-94.
[27] Vgl. G. Augustin/K. Krämer, „Geht hinaus in alle Welt…“. Zur missionarischen Dimension des priesterlichen Dienstes, in: Augustin/Kreidler (Hg.), Den Himmel offen halten, 145-167.