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Living with Hope Beyond Death

George Augustin SAC

Die Hoffnung auf das ewige Leben in einer sterblichen Welt

„Ich glaube an … die Auferstehung des Fleisches und das ewige Leben.“[1] „Wir erwarten die Auferstehung der Toten und das Leben der zukünftigen Zeit.“[2] Dieses Glaubensbekenntnis der Christenheit wird in der gegenwärtigen Zeit vielfältig in Frage gestellt. Auch wenn die meisten Christen ihren Glauben in dieser Form bekennen, verbinden sie mit diesem Bekenntnis eine große Unsicherheit. Aus diversen Umfragen und persönlichen Gesprächen können wir entnehmen, dass heute viele Menschen der christlichen Verkündigung von der Auferstehung der Toten und vom ewigen Leben in der himmlischen Vollendung mit großem Misstrauen begegnen.

Zwar ist zunächst unbestreitbar, dass der Mensch ein Wesen der Hoffnung, ein sich selbst transzendierendes Wesen ist. Dennoch beschränkt die weit verbreitete, neuzeitlich-säkularisierte Denkweise die Realisierung des Erhofften in der Regel auf die rein immanente Dimension. Das Leben wird auf „Diesseitigkeit“ begrenzt und die Hoffnung auf „Jenseitigkeit“ verflüchtigt sich mehr und mehr. Vor dem Hintergrund des technischen Fortschritts scheint für den Menschen die „Machbarkeit“ im Mittelpunkt zu stehen, wobei das Mensch-Sein als Ganzes aus dem Blick gerät. Das weitverbreitete Lebensgefühl vieler zeitgenössischer Menschen hat bereits Ernst Bloch mit einer gewissen Ironie klassisch formuliert: „Die Welt hat kein Jenseits.“[3] Ziel des menschlichen Lebens ist es demnach, ein sinnerfülltes und langes irdischesLeben für alle zu gewährleisten.

Jedoch zeigt die Erfahrung, dass die innerweltlichen Hoffnungen und Glücksverheißungen in der Regel unerfüllt bleiben. Die Hoffnung auf Heil und Vollendung kann deshalb nicht auf diesseitige Glücksrealisierungen reduziert werden. Ein wahrhaft Hoffender weiß, dass er jemand ist, der etwas erhofft, das er sich selbst nicht zu geben imstande ist. Die Bibel erinnert uns in vielfältiger Weise an die Vergänglichkeit des irdischen Lebens und Glücks. Exemplarisch kommt dies besonders eindrucksvoll in der Erzählung vom wohlhabenden, sich in Selbstsicherheit wähnenden Mannes zum Ausdruck, der sich sagt: „Dann werde ich zu meiner Seele sagen: Seele, nun hast du einen großen Vorrat, der für viele Jahre reicht. Ruh dich aus, iss und trink und freue dich! Da sprach Gott zu ihm: Du Narr! Noch in dieser Nacht wird man dein Leben von dir zurückfordern“ (Lk 12,19-20).

Die Brüchigkeit der innerweltlichen Sicherheiten und Glücksvorstellungen werden uns besonders in Krisenzeiten vor Augen geführt. Solche Zeiten bieten die Gelegenheit, sich neu auf die existenziellen Fragen des Menschseins zu besinnen und die Botschaft des christlichen Glaubens als Hoffnungsperspektive neu zugänglich zu machen. Die gegenwärtigen existentiellen Erschütterungen, verursacht durch die Corona-Pandemie, verlangen geradezu nach solch einer Antwort der Hoffnung aus dem Glauben. Es gilt zu fragen: Wie kann die christliche Hoffnung auf das ewige Leben Kraftquelle und Motivation für die Gestaltung unseres endlichen und sterblichen Lebens werden?[4]

1. Die Corona-Krise als existentielle Erschütterung

Im Januar 2020 informierte der chinesische Staatspräsident Xi Jinping die Weltöffentlichkeit über den Corona-Ausbruch und ließ erklären, dass das gefährliche Virus sich von Mensch zu Mensch verbreite. Covid 19, die anhaltende Corona-Pandemie, verursacht durch das Virus SARS-CoV-2 und seine Mutationen, versetzen seitdem die Welt in Angst und Schrecken. Das Corona-Virus grassiert überall auf dem gesamten Globus. Selbst wenn wir das Virus besiegen werden, bleibt die Befürchtung, dass uns ein anderes Virus herausfordern könnte und wir wieder mit einer neuen, biologischen Gefährdung konfrontiert werden.

Das Corona-Virus hat unser Leben grundsätzlich verändert. Diese Krise stellt eine bisher unbekannte und beispiellose medizinische, wirtschaftliche, menschliche sowie spirituelle Herausforderung dar, die die kommenden Jahre maßgebend prägen wird. Auch wenn wir heute noch nicht das ganze Ausmaß und das Ende der Krise absehen können, wissen wir, dass eine grundsätzliche und große Herausforderung für die Menschheit bleiben wird: nicht die Pandemie und deren vielfältigen Auswirkungen selbst, sondern die existenzielle Angst und Unsicherheit, die durch diese Krise deutlich wurde. Vielen Menschen ist in dieser Zeit plötzlich ihre Verwundbarkeit und Verletzlichkeit bewusst geworden, viele vermeintliche Sicherheiten sind weggebrochen und der bisher selbstverständliche Lebensstil wurde grundsätzlich in Frage gestellt. Auch das Thema Tod und Krankheit, die Gefährdung des Lebens und der Gesundheit wurde uns allen unerwartet vor Augen geführt. Die Konfrontation mit der Begrenztheit und Gebrechlichkeit des eigenen Lebens löst eine Zukunftsangst aus. Vor unseren Augen droht das System, das unsere moderne Lebensweise maßgeblich bestimmt hat, plötzlich zusammenzubrechen. So wird die Corona-Krise zu einem ernstzunehmenden Anlass, aus der Perspektive des christlichen Glaubens das menschliche Leben in seinen multidimensionalen Bezügen neu zu thematisieren.

Vor diesem Hintergrund stellen sich einige grundlegende Fragen: Können uns die derzeitigen Erfahrungen manche verdrängten und vergessenen Dimensionen des menschlichen Lebens neu ins Bewusstsein rufen? Dabei geht es einerseitsdarum, das Leben neu als Gabe und Geschenk zu verstehen und anzunehmen. Andererseits lädt uns die Kontingenz des menschlichen Lebens, die gerade heute neu ins Bewusstsein rückt, dazu ein, neu über das Faktum unserer Endlichkeit und Sterblichkeit nachzudenken: Wie lässt sich vor dem Hintergrund der menschlichen Begrenztheit verantwortungsvoll mit Leid, Sterben und Tod umgehen? Letztlich stehen wir vor der existentiellen Frage, wie die Realität des Todes zu verstehen ist und ob wir im Hinblick darauf unsere allzu selbstverständlichen Gewohnheiten hinterfragen und unseren Lebensstil ändern sollten.

2. Leben und Tod aus christlicher Perspektive

2.1 Das Leben verstehen

Die Frage nach dem Leben, die Ausleuchtung der conditio humana in all ihrem Glanz und all ihrem Elend, ist bleibend aktuell.[5] Wir können uns dem Geheimnis des Lebens aus unterschiedlichen Perspektiven annähern. Von unserer Erfahrung ausgehend, wissen wir zunächst, dass unsere Lebensspanne, das irdische Leben, das biologische Leben, begrenzt ist. Dabei müssen wir den Beginn und das Ende des irdischen Lebens, den Tod, in den Blick nehmen. Angesichts dieser Erfahrung gilt es, nach Quelle und Ziel des Lebens zu fragen. Gott ist nach dem christlichen Verständnis der Ursprung des Lebens, denn Gott ist der Urgrund, „in ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir“ (Apg 17,24-28).

Aus der christlichen Perspektive kann das Geheimnis des menschlichen Lebens in der Welt ausschließlich von Gott her angemessen gedeutet werden. Der christliche Glaube versteht den Menschen in seiner Geschöpflichkeit als radikal von Gott abhängig. Der Mensch ist ganz Empfangender in seinem Sein wie in seinem Handeln und er ist nur dann ganz bei sich selbst, wenn er über sich selbst hinauswächst. Diese Erkenntnis führt ihn zu dem Bewusstsein, dass er ein Gott-verdanktes Wesen ist und dass er seine Grenzen als Mensch erkennen muss.

Die Notwendigkeit, Grenzen zu erkennen, wird bereits in der Schöpfungsgeschichte thematisiert. Adam soll seine Grenzen erkennen. Die Überschreitung bedeutet die Trennung der Unmittelbarkeit zu Gott, die Entfremdung von seiner Nähe und die Schwächung seiner Beziehung zu Gott. Diese Erkenntnis thematisiert der Psalmist wie folgt: „Unsere Tage zu zählen, lehre uns! Dann gewinnen wir ein weises Herz“ (Ps 90,12). Wir können dies noch ausweiten: Herr lehre uns, unsere Grenzen zu erkennen, dann werden wir Weisheit zur Gestaltung unseres Lebens empfangen. Wenn wir unsere Grenzen erkennen und annehmen, dann gewinnen wir die Weisheit des Herzens. Solche Selbsterkenntnis hilft uns, das Leben mit all seinen Begrenzungen zu bejahen.

Aus dem Verständnis Gottes als die Quelle des Lebens ergeben sich Konsequenzen für unser konkretes Verhalten. Um ein ganzheitliches Verständnis vom Leben zu erlangen ist es notwendig, das Leben aus der Perspektive Gottes zu betrachten. Ohne Transzendenzbezug wird das menschliche Leben auf seine Immanenz reduziert, auf seine kurze, biologische Lebensspanne. Das Leben ist von Gott geschaffen, von ihm gehalten und wird über die Grenzen des biologischen Daseins hinaus in seiner gütigen Vorsehung bewahrt. Alle Eigenständigkeit, Besonderheit und Subjekthaftigkeit des Menschen kommen daher. Die Geschöpflichkeit des Menschen qualifiziert das Menschsein des Menschen.

So ist das Leben nach biblischem Verständnis auf Gott hin zentriert und Gemeinschaft mit ihm. Es ist ein Leben in Gott, mit Gott und für Gott, das im Leben mit anderen entfaltet und verwirklicht wird. Das Leben vollzieht sich in der lebendigen Gegenwart Gottes: im Entstehen, im Werden des individuellen Lebens und dessen Erhalt sowie in der Begrenzung durch den Tod und in der Hoffnung auf lebendige Gemeinschaft über diesen hinaus. Das ist die Totalität des Lebens und seine Fülle.

Dieses Leben in Fülle ist eine Verheißung Gottes und der Mensch als todgeweihtes Wesen ist in seiner irdischen Lebensspanne angehalten, nach der Verheißung Gottes zu leben. Grundlage der rechten Lebensführung ist die Gottesfurcht und die gelebte Gottesbeziehung. Selbst in schwersten Katastrophen, in den schlimmsten Leiderfahrungen, in den größten Brüchen im Lebenslauf, darf der Mensch, auch wenn die Lebensumgebung die Gegenwart Gottes und die menschliche Gottesbeziehung verleugnet, bei Gott selbst seine Zuflucht nehmen, auch wenn dieser Gott Unheil zulässt, was aus unserer Perspektive unbegreiflich erscheinen mag (vgl. Hiob 19,13-25).

Wenn wir das Menschsein in der Welt angemessen verstehen wollen, dann ist es unverzichtbar, die universale Sündenverfallenheit der Menschen und die Erlösung in Jesus Christus zu thematisieren. Es ist eine universale Grunderfahrung der Menschheit, dass es das Böse in der Welt gibt und alle Menschen in den Strukturen des Bösen verfangen sind. Der Mensch erfährt sich als ein ambivalentes Wesen: Zu seiner Größe gehört auch sein Elend als sündige Existenz. Die schöpfungsmäßige Beziehung, die zwischen Gott und dem Menschen als seinem Abbild besteht, kann durch menschliche Sündhaftigkeit geschwächt werden, jedoch nie ganz abreißen. Dabei kann der Mensch in seiner Freiheit die Beziehung zu Gott annehmen oder ablehnen. Indem er sie annimmt, erfährt er das Leben in Fülle.

2.2 Angesichts des Todes leben

Der Tod ist eine unleugbare Realität des Lebens und der Mensch bleibt damit ein sterbliches Wesen.[6] Die Unentrinnbarkeit des Todes lässt die Sinnfrage in aller Dringlichkeit aufkommen. Angesicht des Todes wird der Mensch sich selbst eine Frage, wie Augustinus in seinen Bekenntnissen unter dem Schmerz des unerwarteten Todes seines jungen Freundes klassisch formuliert: „Ich selber war mir zur großen Frage geworden“[7].

Der Mensch stellt sich bewusst oder unbewusst die Frage: Was geschieht, wenn ich sterbe? Was ist der Sinn des Todes? Gibt es ein Leben nach dem Tod? Es ist selbstverständlich, dass jeder Mensch, der einmal geboren wurde, auch einmal sterben muss. Der Tod gehört somit zum Leben, zum Dasein des Menschen, was den Menschen auch mit allen anderen Lebewesen verbindet. Wir haben die existentielle Gewissheit, dass wir sterben müssen.

Tod ist etwas unüberbietbar Endgültiges und deshalb auch für den Menschen der Ernstfall schlechthin. Wir kennen den Tod der Anderen, aber wir versuchen den eigenen Tod in der Regel zu verdrängen. Wir wollen ihn nicht wahrhaben. Die ausschließliche Kenntnis des Todes der Anderen, birgt natürlicherweise die Versuchung in sich, uns die wirkliche Begegnung mit dem eigenen Tod zu ersparen. Jeder Mensch muss sich jedoch – auch unter Schmerzen – mit der Unentrinnbarkeit des Todes, der Ungewissheit der Stunde sowie der Endgültigkeit des Abschiedes auseinandersetzen, um ein sinnvolles Leben führen zu können. Es ist aber selbstverständlich, dass wir vor dem Tod Angst haben. Der Prozess des Sterbens, der im Tod endet, ist mit Schmerzen verbunden. Alle Schmerzen, Trauer und Tränen, die mit dem Tod verbunden sind, bleiben eine Lebenswirklichkeit, die zum Leben selbst gehört. Wir können nicht davor fliehen, sondern der erlösende Weg besteht darin, das Faktum des Todes im Glauben und in der Hoffnung anzunehmen.

Vor dem Hintergrund der Sterblichkeit und des Todes verkündet der christliche Glaube das ewige Leben als reale Möglichkeit für alle Menschen. Dieser Glaube ist begründet in der Auferstehung Jesu Christi. Mit diesem Bekenntnis steht und fällt der christliche Glaube: „Ist aber Christus nicht auferweckt worden, dann ist unsere Verkündigung leer, leer auch euer Glaube“ (1 Kor 15,14). Die Auferstehung Jesu Christi ist der Hoffnungsgrund der Auferweckung der Toten und diese ist mit der Auferweckung Jesu Christi untrennbar verbunden. „Nun aber ist Christus von den Toten auferweckt worden als der Erste der Entschlafenen. Da nämlich durch einen Menschen der Tod gekommen ist, kommt durch einen Menschen auch die Auferstehung der Toten“ (1 Kor 15,20f.).

3. Die christliche Hoffnung auf die Auferstehung der Toten

3.1 Auferstehung Jesu Christi als Grund der Hoffnung

Die Auferstehung Jesu Christi ist Garant und Versprechen unserer eigenen Auferstehung.[8] Die Erlösungsmacht Christi, des Auferstandenen, schenkt den Toten das ewige Leben. Diese Hoffnung gehört zum Fundament des christlichen Glaubens, so dass deren Leugnung einer Preisgabe der christlichen Botschaft gleichkommt.[9]

Es gibt einen unlösbaren Zusammenhang zwischen der Auferstehung Christi und unserer künftigen Auferstehung.[10] Die Auferstehung Christi gehört in den Bereich der allgemeinen Auferstehung aller Toten, sowohl chronologisch wie auch in der Ordnung der Würde und der Ursächlichkeit (vgl. 1 Kor 15, 20-22; 2 Kor 1,22; 5,5; Kol 1,18; Röm 5,10; 6,8; 8,17.29). Der Heilsprozess, der in der Auferstehung Christi begonnen hat, setzt sich in der Auferweckung der Toten fort. „Wenn Jesus – und das ist unser Glaube – gestorben und auferstanden ist, dann wird Gott durch Jesus auch die Verstorbenen zusammen mit ihm zur Herrlichkeit führen“ (1 Thess 4,14). „Auferstanden ist er am dritten Tage“, so bekennen wir von Christus. Deshalb kann der Bekennende von sich selbst sagen: „Ich erwarte die Auferstehung der Toten“ oder mit den Worten des oben genannten Apostolischen Glaubensbekenntnisses, die „Auferstehung des Fleisches und das ewige Leben“. Christliche Hoffnungsbotschaft beruht somit auf der Auferstehung Jesu Christi und der daraus bewirkten Hoffnung auf die eigene Auferstehung: Ich lebe, so werdet auch ihr leben (vgl. Joh 14,19).

Die Auferstehung bietet eine plausible Lösung des Rätsels Mensch. Die anthropologische Bedeutung der Auferstehung Jesu Christi besteht darin, dass Jesus ein Mensch ist, wirklich Geborener und wirklich Gestorbener, einer, der wie wir alle gelebt und gelitten hat und dann diese endliche Wirklichkeit in ewiges Leben geborgen und hinübergerettet hat. Damit erhebt der christliche Glaube mit der Verkündigung der Auferstehung den Anspruch, die vollständig befriedigende Lösung des anthropologischen Problems vorzulegen.

Das Zentrum der Hoffnung bleibt der erhöhte Christus, der alles an sich zieht (vgl. Joh 12,32), damit Gott alles in allem wird (vgl. 1 Kor 15,28). Wenn ewiges Leben, Auferstehung und Geborgenheit bei Gott erwartet werden, dann nur als eine in Gott begründete Hoffnung und als ein Geschenk. Die Macht Gottes, Tote auferstehen zu lassen, entspricht der Macht Gottes bei der Erschaffung jedes einzelnen Menschen und der ganzen Welt (vgl. 2 Makk 7). Die Auferstehung zum neuen Leben ist kein völlig neues Wunder, sondern Konsequenz der Schöpfungsgerechtigkeit Gottes, denn Gott ist der Urheber, Erhalter und Vollender des Lebens.

3.2 Die Identität des toten und auferstandenen Christus

Die Auferstehung Christi stellt eine völlig neue Wirklichkeit dar.[11] Es gibt aber zugleich eine Kontinuität und eine Diskontinuität. Die Auferstehung bedeutet einen radikalen Wandel von einer Lebensordnung in eine andere, was die Stichworte zeitlich und ewig hinreichend andeuten können. Seine raumzeitliche Begrenztheit hat sich im Tode aufgelöst, das daraus hervorgegangene radikal Neue hat ihn aber weiterhin als Subjekt. Aus dem Gesagten folgt: Die Auferstehung bedeutet die Vollendung des Menschen Jesus von Nazareth und seiner Lebensgeschichte. Die Auferweckung bedeutet gleichzeitig auch eine neue Schöpfung mit einem verwandelten Leib in einer neuen Existenzweise, die unsere Vorstellung völlig übersteigt. Weder die spiritualistische Auffassung von einem Weiterleben der Seele noch die Vorstellung von einem Wiederaufleben des alten Menschen treffen auf diese neue Realität zu. Der christliche Auferstehungsglaube denkt das neue Leben des Auferweckten nicht nur als neues Bewusstsein oder als Zustand spiritueller Erweckung und Erleuchtung, sondern zugleich als Verwandlung seiner leiblichen, somatischen Beschaffenheit.[12] Der Tod markiert den Übergang vom Irdischen zum Himmlischen. Tod und Auferstehung gehören somit zum ganzheitlichen Verständnis des Menschen und seiner Bestimmung, denn das Ziel des Menschen ist die ewige Gemeinschaft mit Gott.

Wie auch der christliche Glaube an der Identität des historischen und auferstandenen Herrn festhält, erhofft er diese auch für ihre Toten. Christlicher Glaube sieht in Jesus Christus das einmalig geglückte Ereignis der Selbstmitteilung Gottes und den Erlöser schlechthin. Aufgrund der Einmaligkeit und Unwiederholbarkeit des Heilswirkens Jesu Christi sind wir davon überzeugt, dass das Leben und Sterben der Menschen in der Welt einmalig und unwiederholbar ist (vgl. Hebr 9,27).[13]

Nach der christlichen Auffassung ist dem Menschen von Gott eine unvertauschbare, über den Tod hinaus bleibende Identität zugesprochen. Gott schafft bekanntlich Originale und keine Replikate. In den Akten von Geburt und Tod manifestiert sich die Einmaligkeit des Lebens. Durch die Betonung der Einmaligkeit der Person gewinnt die menschliche Existenz ihren einzigartigen Wert und ihren Ernst. Nach der christlichen Vorstellung gehören die Schöpfung, Welterhaltung und die Vollendung zusammen. Die Auferstehung ist ein neuer schöpferischer Akt Gottes und bietet die Möglichkeit eines radikalen Neubeginns, aber keineswegs auf Kosten oder gar unter Einbuße der Identität der Person.

3.3 Die Auferstehung der Toten

Die Auferstehung Jesu Christi ist eine Verheißung für alle Menschen. Der Mensch erhält aus der Kraft Gottes ein neues und volles Leben. Was der Mensch aus eigener Kraft nicht vollenden kann, wird aus der durch Christus gewirkten Gnade Gottes geschenkt. Was der Mensch aufgrund seiner Verschlossenheit und Selbst-Fixiertheit nicht erreicht oder gar zerstört hat, kann von Gott geheilt und bei ihm aufgehoben werden. Auferstehung bedeutet von Gott geschenkte Vollendung menschlicher Lebensgeschichte. Der ganze Mensch ist bei Gott. Nichts Menschliches wird verlorengehen und von der Vollendung ausgelassen.[14]

Die christliche Hoffnung ist in erster Linie keine Befreiung der Seele vom Leib, sondern das lebendig Machen des Leibes: Der Christus Jesus von den Toten auferweckt hat, wird auch euren sterblichen Leib lebendig machen (vgl. Röm 8,11). Das Unterscheidend-Christliche ist nicht die Befreiung vom sterblichen Leib, sondern die Befreiung des sterblichen Leibes. Der christliche Auferstehungsglaube hält somit an der unverwechselbaren, persönlichen Identität fest, die der Mensch in seinem langen Leben durch seinen Leib und an seinem Leib gewonnen hat. Deshalb können wir bekennen: „Vita mutatur, non tollitur.“ – „Das Leben wird gewandelt, nicht genommen.“[15]

Die eschatologische Hoffnung des christlichen Glaubens ist nicht nur an die zukünftige Vollendung gerichtet, sondern sie ist zugleich die Gegenwart bestimmende und gestaltende Kraft: Wer glaubt, der hat schon das ewige Leben; „er ist aus dem Tod ins Leben hinübergegangen“ (vgl. Joh 5,24). Die Verheißung des künftigen Lebens in der Vollendung bestimmt die Wirklichkeit der Gegenwart und gibt damit Zuversicht mitten in dieser Welt. In der Kraft der Hoffnung wird die gegenwärtige Wirklichkeit mit ihren auch negativen Elementen angenommen und geheilt. Freiheit, Gerechtigkeit und Leben ist eine endgültige Gestalt von Gott verheißen. Sie werden aber von den Hoffenden hier und heute schrittweise antizipiert und verwirklicht.

3.4 Die christliche Antwort auf die Frage nach Schuld, Leid und Zukunft

Der christliche Glaube lebt von der Überzeugung, dass nicht nur der Mensch, sondern die gesamte Schöpfung durch den Tod und die Auferstehung Jesu Christi ein für alle Mal erlöst worden ist. Damit ist von Gott her das Entscheidende für Mensch und Schöpfung getan, was sich aber erst in der Zukunft, wenn Christus als der Erhöhte wiederkommt, endgültig entfalten wird. Jetzt liegt die Schöpfung noch wie in Wehen (vgl. Röm 8,22); deshalb leben die Gläubigen in der Spannung zwischen dem „schon jetzt“ und „noch nicht“.[16] Deswegen haben wir auch eine unzerstörbare Hoffnung auf eine absolut gute Zukunft. Diese Hoffnung geht über die letzte Grenze des Menschen, über den Tod, hinaus.

Aus den Glaubensaussagen über Jesus Christus erhalten wir eine nachvollziehbare Antwort auf die Fragen, die Schuld, Leid und Tod stellen. Der Zwang zur Selbstrechtfertigung, Selbstverbesserung und Selbststeigerung ist durch das Heilswerk Jesu Christi ein für alle Mal aufgebrochen. Wir können zu unserer Schuld stehen, uns vergeben lassen. Wir sind dazu auch befreit, den anderen, die an uns schuldig geworden sind, zu verzeihen. Versöhnung und Neubeginn sind schon im jetzigen Leben möglich, jedoch nur, wenn der Mensch seine Kreatürlichkeit und Angewiesenheit auf Gott bejaht.

Jesus Christus hat in der befreienden Wirkung von Wahrheit und Liebe Menschen von Leiden geheilt. Er hat aber auch im absoluten Vertrauen auf Gott die Grenzen und damit auch die Leiden, die mit dem Menschsein verbunden sind, annehmen können. Er hat in der Annahme und im Durchstehen von Grenzen diese Grenzen überwunden. Im Leiden und Erleiden der tiefsten Grenze des Menschen, in der Annahme des Todes, hat er den entscheidenden Schritt getan, um so in die endgültige Heimat bei Gott zu gelangen. Der christliche Glaube ist überzeugt, dass der Mensch durch das Leid und den Tod Jesus in ein immerwährendes Leben bei Gott nachfolgen kann. So vermag der Mensch mit Christus den Kreislauf von Leid endgültig und ein für alle Mal zu durchbrechen und zu überwinden. So entsteht die heilende und lebensentfaltende Kraft für die Bewältigung der Kontingenz des Menschseins in der Welt.

Die biblische Hoffnungsbotschaft bringt zum Ausdruck, was durch Gottes Gnade entstehen kann und wie letztendlich Erlösung und Überwindung möglich werden. Dementsprechend verpflichtet die christliche Hoffnung, das Leid nach Kräften zu vermindern, und wo das Leid nicht überwunden werden kann, die Leidenden nicht allein zu lassen, sondern solidarisch zu sein. Es geht darum, sich in der Nachfolge Christi mit seiner Selbsthingabe zu identifizieren und sie zu leben.

Ob wir also am Ende unseres irdischen Lebens die Auferstehung und das ewige Leben erhoffen oder unsere Hoffnung diesseitig eingrenzen, hat entscheidende Bedeutung für das konkrete Leben hier und jetzt: Die Auferstehungshoffnung motiviert zu einem geisterfüllten Leben als Vorgeschmack der ewigen Vollendung bei Gott. Vom christlichen Standpunkt aus gibt es also keinen Grund für Verzweiflung und fatalistische Resignation.

4. Die Hoffnung auf das ewige Leben als Ermutigung zum Leben

Dass der Mensch ein Wesen der Hoffnung ist, ist unstrittig. Die Fähigkeit zu hoffen und die Grenzen des eigenen Daseins zu übersteigen, gehört zum Menschsein des Menschen und zu seiner Weltoffenheit. Das Hoffen ist urmenschlich und kein Mensch kann ohne Hoffnung leben. Das ist die Kehrseite seiner Kontingenz, Endlichkeit, Begrenztheit und Sterblichkeit.

Die christliche Fokussierung auf das ewige Leben relativiert das diesseitige Leben nicht, sondern macht dafür bereit, das sterbliche Leben ganz anzunehmen und es in der Kraft Gottes zu gestalten. Wer radikal hofft, hofft nicht auf ein leeres Jenseits, sondern auf Gottes Barmherzigkeit und ein Leben in Gemeinschaft mit ihm. Die christliche Hoffnung ist wesentlich auf Verheißung und Erfüllung begründet. So hat die Verheißung eines ewigen Lebens nach dem Tod eine befreiende und zugleich bestimmende Kraft zur Bewältigung des Lebens vor dem Tod, denn der Gläubige lebt bereits im Vorgriff des Verheißenen.

Der Apostel Paulus bezeugt, wie tragbares Leid, getröstete Trauer und sogar der Tod durch die Gnade Gottes Erlösung und Sieg bringen kann: „Diesen Schatz tragen wir in zerbrechlichen Gefäßen; so wird deutlich, dass das Übermaß der Kraft von Gott und nicht von uns kommt. Von allen Seiten werden wir in die Enge getrieben und finden doch noch Raum; wir wissen weder ein noch aus und verzweifeln dennoch nicht; wir werden gehetzt und sind doch nicht verlassen; wir werden niedergestreckt und doch nicht vernichtet. Immer tragen wir das Todesleiden Jesu an unserem Leib, damit auch das Leben Jesu an unserem Leib sichtbar wird. Denn immer werden wir, obgleich wir leben, um Jesu willen dem Tod ausgeliefert, damit auch das Leben Jesu an unserem sterblichen Fleisch offenbar wird“ (2 Kor 4,7-11). Ein solches Leben kann nur in der Kraft dessen geführt werden, der selbst den Tod überwunden hat: „Indem allem siegen wir glänzend durch den, der uns geliebt hat“ (Röm 8,37).

Der Glaube an das Leben nach dem Tod gibt uns die Kraft, das Leben vor dem Tod in einer göttlichen Perspektive zu sehen und es in seiner Kraft gelingend zu gestalten. Der Christ versteht seinen irdischen Lebensweg als eine Pilgerschaft zur himmlischen Herrlichkeit. Dieser Weg ist kein Weg zur Resignation und Verzweiflung, sondern ein dynamischer Weg mit festem Blick zum Himmel. Die gläubige Bejahung der Verheißung des ewigen Lebens ist das tragende Fundament, das uns innerlich frei macht und uns unsere existentielle Angst zu überwinden hilft, die uns immer wieder lähmt. Das ewige Leben in Christus ist unserer Kraftquelle. Das gläubige Bewusstsein, dass diese Verheißung in uns schon durch die geschenkte Teilhabe am Leben Gottes wirksam ist, lässt in uns eine innere Kraft zur sinnvollen Lebensgestaltung lebendig werden. Die in uns wirksame Hoffnung motiviert uns immer wieder, mit einer inneren Gelassenheit das Leben leidenschaftlich zu bewältigen, trotz aller Herausforderungen, Leiderfahrungen, Sorgen und Ängste, die uns immer wieder schmerzlich plagen.

Diese Botschaft des Glaubens ist eine wahre Ermutigung, die Gegenwart nicht als „Schicksal“ zu betrachten, sondern überzeugt von der christlichen Auferstehungshoffnung das „Jetzt und Heute“ des Lebens zu bejahen und ernst zu nehmen, die heutige Welt als Gottes Schöpfung neu mitzugestalten, für die Einmaligkeit und Würde jedes einzelnen Menschen einzutreten, das Leid möglichst zu vermindern und Ungerechtigkeit heute schon zu überwinden versuchen.

Das Bekenntnis zum ewigen Leben löst freilich nicht alle Lebensprobleme, gibt uns jedoch eine neue Perspektive: das Leben im Lichte Gottes zu betrachten sowie es bewusster und intensiver zu leben. In seinem Licht werden wir die Wahrheit über uns selbst erkennen. Ein solches Leben in Bewusstheit und Wahrheit verlangt freilich Anstrengung und Mühe. In der Wahrheit zu leben und die Wahrheit zu tun, heißt: mit innerer Ehrlichkeit zu sich selbst zu leben, sich selbst und seine Taten dem Gott des Lebens auszusetzten. Das ist ein Leben in der Gegenwart Gottes, der mit uns geht. Diese tröstende Botschaft gibt uns angesichts des Todes und in Situationen der Verzweiflung eine neue Kraft zu einer realistischen Einschätzung des Lebens. Der Mensch ist ein gebrechliches Wesen. Das Leben, sei es vor oder nach dem Tod, ist für den Glaubenden letztlich geborgen in der Gegenwart Gottes. Wenn wir diese Glaubensgewissheit annehmen und uns den Händen Gottes anvertrauen, gibt dies eine Glaubenskraft, auch schwierige Situationen im Leben zu meistern.

Diese Gewissheit ist allerdings ein Geschenk Gottes, um das wir nicht nur in der Pandemiesituation bitten und auf das wir hoffen dürfen. Denn für die Gläubigen ist eine Wohnung in der himmlischen Herrlichkeit vorbereitet, wo sie mit Christus sein werden (vgl. Joh 14,2f.). Diese eschatologische Vollendung kann letztlich niemals angemessen geschildert werden: „Wir verkündigen … was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat, was keinem Menschen in den Sinn gekommen ist: das Große, das Gott denen bereitet hat, die ihn lieben“ (1 Kor 2,9). Deshalb geht es weniger um das Begreifen des ewigen Lebens, sondern vielmehr um die gelebte Gemeinschaft im Glauben und im Geiste mit demjenigen, der selbst das ewige Leben ist: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt, und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird auf ewig nicht sterben“ (Joh 11,25f.).

Jesus Christus selbst ist der Weg, die Wahrheit und das Leben (vgl. Joh 14,6). In ihm erfüllt sich alle menschliche Sehnsucht und Hoffnung. „Dies ist das ewige Leben: dich den einzigen und wahren Gott zu erkennen und Jesus Christus, den du gesandt hast“ (Joh 17,3). Im christlichen Leben geht es letztlich darum, reich zu werden an Hoffnung: „Der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und allem Frieden im Glauben, damit ihr reich werdet an Hoffnung in der Kraft des Heiligen Geistes“ (Röm 15,13).

In der Heiligen Schrift finden wir schließlich ein Bild der Hoffnung, dass schon fast eine sakramentale Kraft hat, das hervorzubringen, was es bezeichnet: „Die Jungen werden müde und matt, junge Männer stolpern und stürzen. Die aber auf den HERRN hoffen, empfangen neue Kraft, wie Adlern wachsen ihnen Flügel. Sie laufen und werden nicht müde, sie gehen und werden nicht matt“ (Jes 40,30f.). Möge sich diese hoffnungsvolle Verheißung im Leben des Jubilars erfüllen.

[1] Apostolisches Glaubensbekenntnis, in: DH 30.

[2] Nikäno-Konstantinopolitanisches Glaubensbekenntnis, in: DH 150.

[3] Ernst Bloch, Prinzip Hoffnung, Frankfurt/M. 1959, 1303.

[4] Während der Pandemie wurde der Kirche und der Theologie vielfach vorgeworfen, auf die existentielle Krisensituation keine Antwort aus dem Glauben gegeben zu haben und dadurch anscheinend systemirrelevant geworden zu sein. Dennoch gab es erste vorsichtige Antwortversuche: Magnus Striet, Theologie im Zeichen der Corona-Pandemie. Ein Essay, Ostfildern 2021; Walter Kardinal Kasper – George Augustin (Hg.), Christsein und die Corona-Krise. Das Leben bezeugen in einer sterblichen Welt, Stuttgart 2020.

[5] Ausführlich hierzu vgl.: George Augustin, Leben bezeugen in einer sterblichen Welt, in: Kasper – Augustin (Hg.), Christsein und die Corona-Krise (s. Anm. 4), 55-77.

[6] Ausführlich zum Thema Tod, Unsterblichkeit und ewiges Leben vgl. Joseph Ratzinger, Eschatologie – Tod und ewiges Leben, Regensburg 1977; Josef Pieper, Tod und Unsterblichkeit, hg. von Berthold Wald, Kevelaer 2012; Hans Küng, Ewiges Leben? (Sämtliche Werke, Bd. 10), Freiburg i. Br. 2017.

[7] Augustinus, Confessiones IV,4,9.

[8] Zum Folgenden vgl. die vielfältigen Beiträge in: Walter Kardinal Kasper – George Augustin (Hg.), Hoffnung auf das ewige Leben. Kraft zum Handeln heute (ThiD 15), Freiburg i. Br. 2015.

[9] Vgl. George Augustin, Gott eint – trennt Christus?, Paderborn 1993, 239ff.

[10] Vgl. Lorenz Oberlinner (Hg.), Auferstehung Jesu – Auferstehung der Christen, Freiburg 1986.

[11] Vgl. Augustin, Gott eint – trennt Christus? (s. Anm. 9), 234-315.

[12] Vgl. Helmut Hoping, Jesus aus Galiläa – Messias und Gottes Sohn, Freiburg i. Br. 22020, 141-144.

[13] Vgl. Zweites Vatikantische Konzil, Lumen Gentium, 48.

[14] Vgl. Leo Scheffczyk/Anton Ziegenaus: Katholische Dogmatik, Bd. VIII: Die Zukunft der Schöpfung in Gott, Aachen 1996, 65-134.

[15] Präfation der Messe für Verstorbene I.

[16] Vgl. Augustin, Gott eint – trennt Christus? (s. Anm. 9), 117ff.